http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_41_1920/0456
DANIEL CHODOWIECKI
Bildnisaussteihing in der Berliner Akademie
hundertausstellung oder von anderen kleineren
Ausstellungen her bekannt. Weniger bekannt
trat die Plastik im großen Saale auf. Hier war
vieles aus öffentlichen Gebäuden zu sehen, das
ebenso versteckt lebt wie im Hause des Bürgers
. Mehr als in der Berliner Bildnismalerei
hat die gespannte Geistigkeit, die kühle Haltung
, dort mit der guten bürgerlichen Tugend
der Fhrasenlosigkeit, die der alten preußischen
Hauptstadt eigen war, in der Porträtbüste der
ersten Hälfte des Jahrhunderts ihren klassischen
Ausdruck gefunden. Von Schadows Nikolaibüste
(Abb. S. 400), über Rauchs Zelterbüste
zu Tiecks herber Schinkelbüste ist diese
Zeit typisch vertreten. In der Malerei vermag
das 18. Jahrhundert mehr kulturhistorisch zu
interessieren, fehlt doch Chodowiecki fast ganz
(Abb. S. 398). Und was Frisch und Weitsch
dagegen zu stellen haben, ist Konvention, die
in Wilhelm Schadows Doppelbildnis, der Kinderbilder
aus der Familie
Humboldt von
dem Reiz der Auffassung
zurückgedrängt
wird. Leider
fehlen große Proben
von Krüger und Menzel
, die nur mit einigen
Zeichnungen und
kleinen Bildern auftreten
. Nur Magnus
vertritt mit dem schon
öfter gezeigten großen
Porträt der Henriette
Sontag die anmutige
Sachlichkeit
der Biedermeierzeit,
die die Charakteristik
noch nicht in fader
Gesellschaftlichkeit
ertrinken läßt. Die
fünfziger Jahre haben
nur noch selten
den Anstand, diese
Mäßigung zu üben.
Das Malerische, wohl
für das Technische
ein Gewinn, wurde es
aber nicht allemal für
die Auffassung. Die
bestechende Haltung
mit Wendung und
Pose zieht ein, und
Gustav Richter wird
ihr typischer Repräsentant
. Hier scheint
eine Grenze Berliner
Portätkunst zu liegen
— oder auch der Berliner Gesellschaft. Die koketten
Reize weicher Hintergründe, weiche ver-
blasene Halbtöne umkosen die Figur und lösen
sie in Salonfadheit auf. Gussow kommt doch
dann das Verdienst zu, Charakteristik und Form
auf eine herbere Art zurückgestimmt zu haben,
die der Atmosphäre der guten berlinischen
Kultur gemäßer ist. Selbst A. v. Werners Selbstbildnis
gewinnt in dieser Entwicklungsreihe trotz
des Fehlens aller malerischer Kultur etwas Eigenes
. In dieses Milieu trat dann Stauffer-Bern
ein. Seine Form war menzelsch geschult, den
Malton brachte er aber von München mit. Nun
ging der Verfall rapid. Die Tradition reißt ab.
Hier hätte Liebermann erscheinen müssen. Lebt
doch in seinen guten Bildnissen jene glückliche
Verbindung vom charakterisierenden Zeichenstift
und der freien malerischen Haltung, die
eine gewisse Höhe der Berliner Porträtkunst
bezeichnen. W. Kurth
KINDERBILDNIS
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