http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_41_1920/0481
folgende kurze, unter dem ersten Eindruck der
Todesnachricht niedergeschriebenen Erwägungen
mögen hier als eine Art Trauerwort eine
Stätte finden.
Wir bewundern Klingers universellen Genius,
der sich als Künstler aller Art von Technik
mit souveräner Macht Untertan gemacht hat,
dem die Technik nur Mittel war, seine großen
Gedanken auszusprechen, der alles, was menschlich
ist, Höhen und Tiefen des Lebens, der
die „ganze prachtvoll groß schreitende Welt"
in ihrer Schönheit und in ihrem Elend begriffen
, der das Grausen des Todes in großartig
angelegten Variationen erfaßt hat und die
Wonnen des Paradieses kennt, der die Großstadt
mit ihrer Hast und ihrem Getriebe, die
See und die Berge zum Träger seiner Welten
macht, der die Götter Griechenlands mit neuem
Leben erfüllt, das Leiden und Sterben Christi
in großen Bildern verewigt und das Leben der
unmittelbaren Gegenwart mit der höchsten
Kraft künstlerischer Bewältigung erfaßt, der
Liebeslust und Liebesleid versteht und die
furchbarsten Instinkte der Menschen kennt.
Alles mit der Macht einer unerhörten Phantasie
, die kaum je ihresgleichen gehabt hat.
Und alles dies als Graphiker, als der er sein
künstlerisches Schaffen begonnen, als Maler
und als Plastiker. Und immer ist er deutsch
geblieben, denn seine stärksten Kräfte wurzeln
gerade bei ihm im heimischen Boden. Deutsch
ist die ganze grüblerische Art seines Schaffens,
deutsch ist und bleibt die Welt seiner Gedanken
auch da, wo er in die Vergangenheit des
klassischen Altertums zurückschweift und sonst
in entlegenen Zeiten und Welten sich bewegt.
Deutsch ist alles wie der Mann in seinem
ganzen Denken und Empfinden es war und in
allem, was seine Lebensanschauung umfaßte.
Er erscheint mitunter spröde und hart — man
hat ihn deshalb gelegentlich mit Michelangelo
verglichen — und seine Werke zu verstehen,
das überreiche Gebiet seiner künstlerisch phantastischen
Welt sich zu eigen zu machen, ist eine
Aufgabe, an der vielleicht viele scheitern. Die
Zahl seiner Werke ist so groß, daß es selbst
für den Eingeweihten schwierig ist, einen vollständigen
Überblick über dieselben zu gewinnen
. Klinger verstehen heißt ganze Welten
begreifen.
Auch den Menschen dürfen wir nicht vergessen
. Wer den großen früher rothaarigen,
beweglichen starken Mann gekannt hat, kennt
seine Gaben persönlicher Liebenswürdigkeit und
echt menschlicher Größe. Gelegentlich zeigte er
sich auch von einer anderen Seite, denn er
konnte sich von seinem Temperament hinreißen
lassen, da in ihm ohne Zweifel ein Stück
kampfeslustiger Natur wohnte, die es ihm nicht
gestattete, von seiner persönlichen Auffassung
etwas nachzugeben. Einsam ging er seine Wege,
einsam war sein Schaffen, vielfach hat er künstlerisch
nächtlicherweile sein Bestes getan oder
morgens halb wachend, halb schlafend die Welten
, die ihm sein Genius erschloß, als eine Art
Traumbild gesehen. Und doch bei aller Einsamkeit
und Zurückgezogenheit war er für jeden
zu haben, der seiner bedurfte als Künstler, als
Freund und als Mensch. Er war schlicht und
einfach, allem Gepränge abhold, ein Feind aller
Unnatürlichkeit, aber zugänglich für ein herzliches
schlichtes Wort, von wem es auch kommen
mochte. Früher und noch in den ersten
Kriegsjahren pflegte er auch die Geselligkeit
in seinem Hause, und jedem, der das Glück
hatte, daselbst sein Gast zu sein und in der
großen geräumigen Werkstatt in Plagwitz an
den auserlesenen musikalischen Darbietungen
des Abends sich zu erfreuen, dem werden diese
genußreichen Stunden unvergänglich in der Erinnerung
bleiben.
Es liegt mir nahe, noch ein Wort über Klinger
und seine Vaterstadt Leipzig zu sagen. Berlin
und Dresden hatten früher angefangen, Werke
seiner Hand sich zu sichern, und mancher
Privatsammler hatte vor uns Schätze seiner
Kunst, namentlich solche der Graphik, mit Erfolg
und vor Jahren auch mit geringen Mitteln sich
erworben. Aber Leipzig ist es doch gelungen,
die Klingerstadt par excellence zu werden. Die
Bemühungen, Werke des großen einheimischen
Meisters zu erwerben, setzten mit dem Ankaufe
der Salome im Jahre 1894 ein, und beinahe
jedes Jahr, bis auf die unmittelbare Gegenwart
brachte uns eine bedeutsame Erwerbung. Vor
zwei Jahren erst, noch mitten im Kriege, gelang
es die Kreuzigung anzukaufen, die Blaue
Stunde war bereits seit Jahren neben kleineren
Gemälden in unserem Besitz. Bekannt ist, was
im übrigen hier für Schätze Klingerscher Kunst
sich befinden: die Kassandra, das badende
Mädchen, der Beethoven (1902), dieser wie die
Kreuzigung und die Blaue Stunde eine Stiftung
Leipziger Kunstfreunde, die Porträtbüsten von
Wundt, Lamprecht, Steinbach und vieles andere
noch außer seinem gesamten Radierwerk
und zahllosen Zeichnungen aus allen Perioden
seines Lebens. Hier in Leipzig schuf er in der
Universität zu deren fünfhundertjährigem Jubiläum
das große Wandgemälde für die Aula (igog),
das Richard-Wagner-Denkmal, im Modell ganz,
im Postament halb vollendet, war seiner Hand
anvertraut. Ein weiterer großer Auftrag, die
Ausführung von Wandgemälden im Treppenhause
des Museums der bildenden Künste, kam
leider nicht zur Ausführung aus Gründen, deren
Die Kunst für Alle XXXV.
421
57
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_41_1920/0481