http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_41_1920/0482
Darlegung hier zu weit führen würde. Klinger
war, so sehr ihm auch sonst alle persönlichen
Huldigungen in der Seele zuwider waren, dankbar
dafür, wie er von seinen Mitbürgern anerkannt
wurde — und wir ehrten uns selbst
damit, daß wir den großen Sohn unserer Stadt
bei Lebzeiten ehren konnten. Und auch bei
seinem Tode zeigte es sich in allen Schichten
der Bevölkerung, daß seine gewaltige Persönlichkeit
tief im Boden unserer Stadt wurzelte.
Die Stadt Leipzig war stolz, ihn ihren Sohn
nennen zu können. Ich habe mehrfach schon,
wenn ich Klingers Bedeutung mit einigen kurzen
Worten kennzeichnen wollte, wenn ich an das,
was er als Denker, als Poet und als schaffender
Künstler seinem Volke bedeutete, und wie
seine Ideen und Werke zum ungeahnten Ausdruck
einer neuen Zeit geworden sind, die Verse
Richard Dehmels zitiert, die dieser Klinger in
seinen Gedichten widmet:
Du hast uns mehr als Leben,
Du hast uns aus dem Geist,
Der das Leben speist,
Eine Welt gegeben.
Aber nicht nur das. Auch unsere Nachfahren
werden, wenn anders die deutsche Kultur nicht
in ein Nichts versinkt, an den Werken dieses
Großen sich erbauen und dankbar sein für
alles, was sein Genius uns hinterlassen hat. Vielleicht
mehr noch als wir, die wir jahrzehntelang
Zeugen dieses gewaltigen Schaffens und
Ringens gewesen sind. Denn erst ein künftiger
Biograph wird diese Größe, wie bei allen Erdgeborenen
, die neue Bahnen beschritten haben,
formulieren können, da die wahrhafte Größe
eines über seine Zeit sich erhebenden Menschen
nicht in der Nähe, sondern in weiter Ferne erkannt
und richtig eingeschätzt wird.
Julius Vogel
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