http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_42_1920/0033
Alle Richtungen, die sich in der Entwicklung
der Malerei ablösen, kann man betrachten als
verschiedene Phasen des Problems vom Sehen.
Wölfflin hat in seinen „Grundbegriffen" mit
feinem Sinn auseinandergesetzt, wie das, was
wir die Entwicklung von Renaissance zu Barock
zu nennen pflegen, eine ganz bestimmte Entwicklung
in der Kunst des Sehens bedeutet.
Ganz allmählich erst erobert sich das Auge
die Welt, die es im Kunstwerk darzustellen vermag
. Vom flächenhaften Erfassen, das am linearen
Charakter des Umrisses hängt, dringt es
vor zum räumlichen Begreifen, das in der Lichtführung
sein Ausdrucksmittel findet. An die
Probleme, die damit angeschnitten sind, knüpfen
die Errungenschaften Punkt für Punkt an, die
langsam weitergeführt haben, zur reichen Skala
der künstlerischen Ausdrucksmittel, deren sich
schließlich der „Impressionismus" unserer Tage
bediente. Wir haben allmählich gelernt, den
optischen Eindruck in Licht, Luft, Farbe und
Form ganz für die Zwecke der künstlerischen
Darstellung zu erobern.
Es ist völlig begreiflich, daß im Laufe dieser
glänzenden Entwicklung das Bewußtsein dafür
mehr und mehr in den Hintergrund tritt, daß
es sich beim Problem des „Sehens" in der Kunst
nicht nur um dies sinnliche Sehen handelt,
das hier seine Triumphe feierte, sondern daß es
daneben auch eine andere Form des Sehens
gibt, ein geistiges Sehen, das sich unabhängig
hält von den Formen der sinnlichen Wahrnehmung
, und das für die Kunst nicht weniger
wichtig ist.
Neben der Welt der Eindrücke, die uns von
außen kommen, lebt in uns eine Welt von Eindrücken
, die dem Inneren entsteigen. Sie borgt
gewisse Grundbestandteile ihres Kleides von
jener äußeren Welt, hat aber im übrigen in
weiten Grenzen ihre eigenen Gesetze. Wie diese
Welt unserer inneren Vorstellungen körperlich
aussieht, läßt sich nicht in klaren Zügen bestimmen
, denn wer wollte wagen zu umreißen,
was aus dem Innern zahlloser Menschen zu
ersprießen vermag. Das eine aber ist sicher,
das, was hier auftaucht, ist nicht gebunden an
die Außenwelts-Gesetze von Raum und von Zeit.
Wer sich etwa gewöhnt hat, die Außenwelt
mit den Augen eines Liebermann zu betrachten,
wird wohl auch die Bilder seiner Gedanken so
sehen, wenn er sich bestimmter realer Ereignisse
erinnert, aber es ist durchaus möglich, daß
die Gebilde seiner Fantasie, die halbunbewußt
hervortauchen und wieder entschwinden, ganz
anderen Gesetzen gehorchen.
Es wird immer viele Menschen geben, bei
denen eine solche selbständige Vorstellungswelt
überhaupt versagt; manche, die sie haben, werden
sich ihrer kaum bewußt sein und sie vielleicht
erst allmählich entdecken; die wenigsten werden
genauere Rechenschaft darüber abgeben können,
wie sie eigentlich, verglichen mit der realen
Erscheinungswelt, beschaffen ist. Diese Rechenschaft
sucht die expressionistische Kunst zu
geben. Was sie will, und wie sie betrachtet
werden muß, ist wohl nur so zu verstehen.
In einem geistreichen Buch über ,.Expressionismus
" spricht Hermann Bahr, um den Kern
dieses neuen Wollens zu erklären, vom „Auge
des Geistes", dessen Wesen im Expressionismus
nach Ausdruck sucht. Um seine Ausführungen
zusammenzufassen, zitiert er ein Wort Goethes:
„Die Malerei stellt auf, was der Mensch sehen
möchte und sollte, nicht was er gewöhnlich
sieht" und sagt: „Wenn man schon durchaus ein
Programm des Expressionismus will, dies ist es."
Das Goethische Zitat wirkt, wie mir scheint,
außerordentlich klärend, aber durchaus nicht
in dem Sinne, wie Hermann Bahr es verwandt
wissen will. Wenn wir Goethe von diesem
„geistigen Auge" des Malers reden hören, das
anders sieht als die Wirklichkeit, so wissen wir
ohne weiteres, daß ihm dabei nichts weniger wie
unkontrollierbare expressionistische Fantasien
vorschweben. Was er meint, ist jene idealisierte
Welt einer gesteigerten Natur, die er so eifrig bei
allen Inspirationen, die er bildenden Künstlern
gibt, zu fassen sucht. Es ist eine Welt, gesehen
durch das geistige Auge des Mythos oder des
Heldensanges, kurz, geschaut durch das geistige
Auge des Dichters.
Wir sehen, der Begriff vom „Auge des Geistes"
braucht ohne weiteres noch nicht die Erscheinungen
zu berühren, von denen wir reden. Dieses
innere Auge blickt offenbar durch gar mannigfache
Medien, und die uns bisher geläufige Form
seines Schauens, der Blick durch das Medium
des Dichters, führt eher zu entgegengesetzten
Erscheinungen als die, welche wir uns erklären
wollen.
Es scheint mir das Charakteristische des besonderen
geistigen Schauens der Expressionisten
zu sein, daß es sich bezieht auf einen noch
ungeklärten und dichterisch keineswegs verarbeiteten
künstlerischen Urstoff und danach
trachtet, diesen unmittelbar, ehe er durch
das formengebende Medium der Dichterphantasie
gegangen ist, zur Erscheinung zu
bringen. Es ist gleichsam die Fantasie im unbewußten
Urzustand, die eine eigene neue Form
der Entladung sucht.
Erst wenn wir uns diesen Unterschied klargemacht
haben,kommen wir an den eigentlichenKern
des Problems: er liegt im Versuch, das innere
Gesicht vom Literarischen zubefreien und
ihm einen unmittelbaren Ausgang in die
Dekorative Kunst. XXIII. i. Oktober 1919
17
3
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_42_1920/0033