http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_42_1920/0039
JOSEF WEISS
ZEICHNUNG
JOSEF WEISS
Bildung und Lehre können die Naivität des
geborenen Künstlers nicht verderben; sie
können das mittlere Talent auf falsche Wege
leiten und akademisieren (und daß dies auch
mit dem Expressionismus sich trefflich vereinigen
läßt, beweisen einige sonderbare Schulversuche
der neuesten Zeit), aber das Genie wird
auch durch sie hindurch seinen Weg finden und
unbeirrt auf sein Ziel losgehen. Dafür ist der
Münchner Josef Weiß ein auserlesenes
Beispiel. Keine Anregung durch alte und neue
Kunst hat ihm gefehlt, alle Bildungsmöglichkeiten
standen ihm in seiner Vaterstadt weit
offen und wurden reichlich von ihm verwertet.
Schließlich kam ihm auch noch der treffliche
Unterricht Ehmckes an der Münchner Kunstgewerbeschule
zustatten, der ihm zweifellos
technisch und künstlerisch viel gegeben hat.
Betrachtet man aber auf das alles hin seine
Holzschnitte und sucht nach den Beziehungen,
die ihn mit Schule und Vorgängern verbinden
sollen, so wird man sich vergebens anstrengen:
es ist, als ob er aus den Urwäldern des Ostens
hergekommen sei und seine dunkle und seltsam
große Kunst aus unergründlichen Tiefen
heraufgeholt habe, wo kein Meister und keine
Lehre je gegolten haben. So neu ist sowohl
Gehalt wie Form, in die er seine Gedanken
gießt; so wunderlich selbständig selbst die
Technik, die er sich geschaffen hat als ein Gewand
, seine Ideen reich und beziehungsvoll
einzukleiden.
Und doch weist gerade diese Technik
des Holzschnittes darauf hin, daß Weiß
nicht vom Himmel gefallen ist, sondern eine
intensive, wenn auch nicht langdauernde Schulung
durchgemacht hat. Dieser kaum Fünfundzwanzigjährige
(er ist am 27. August 1894
geboren) hat schon vor Jahren eine so hohe
Fertigkeit im Holzschnitt bewiesen, daß die
Entwicklung von Jahrhunderten bei ihm sich
im Laufe von 2 oder 3 kurzen Jahren auszugsweise
wiederholt zu haben scheint. Von
Dürers Holzschnitten bis zu den Feinheiten
des Tonschnittes und zu Münchs und Kirchners
Stilgröße hat er alle Möglichkeiten durchlaufen
und sich ein höchst eigenes und raffiniertes
System herausdestilliert, dessen Technik
anscheinend auf der Verwendung ganz flacher
Hobelschnitte in Verbindung mit Tief-
23
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_42_1920/0039