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spürt es besonders in der köstlichen Herbheit
und Ungebrochenheit der Farbgebung, aber es
ist vollkommen »verdaut« und übersetzt in die
Formensprache der Zeit um uns. Naturalismus
liegt der Künstlerin ferne, aber sie wagt sich
doch manchmal mit den Mitteln ihrer Kunst
an die Darstellung von Dingen, die sonst in
der zeitgenössischen Produktion angewandter
Kunst gescheut werden. So besonders mit den
schönen Wandbehängen, deren einer von Else
Jaskolla selbst den »Lebensbrunnen« symbolisiert
; auf dunklen Leinengrund ist mit Wolle,
Baumwolle und unter reicher Verwendung von
Silber ein dekorativ-ornamental gebändigtes Bekenntnis
niedergelegt. Eine ähnliche, allerdings
noch nicht so restlos in die Materialmöglichkeit
übersetzte Arbeit, die die Bergpredigt zum Gegenstand
hat, stammt von L. Scheidemandel, der
Assistentin Else Jaskollas. Die meisten übrigen
hier reproduzierten Arbeiten gehen auf die
Schülerinnen zurück, deren die Jaskolla-Klasse
zeitweise über fünfzig zählte. Von Wesen und
Art der Lehrerin geben auch diese Arbeiten
charakteristischen Aufschluß. W.
„EXPRESSIONISMUS" UND ARCHITEKTUR
Von Baudirektor Fritz Schumacher-Hamburg
Wenn wir uns nun fragen, was solche Regungen
im Gebiet der freien Künste für die
Architektur bedeuten, so müssen wir dabei
zweierlei unterscheiden. Einmal sind sie uns
interessant für das unmittelbare Verhältnis zwischen
der Architektur und den freien Künsten,
und wir fragen uns, lockern sie den Zusammenhang
zwischen den Erscheinungen der beiden
Schaffensgebiete oder führen sie diese enger zueinander
? Dann aber sind sie uns interessant,
ganz abgesehen von der Frage dieses praktischen
Zusammenhangs, als ein Spiegelbild, in
dessen individuell gefärbten Reflexen wir die
künstlerische Linie der Zeit, unter deren Gesetz
auch die Architektur irgendwie steht, vielleicht
besonders deutlich erkennen können.
Der erste Gesichtspunkt wird oft von den
Vertretern der neuen Erscheinungen selber hervorgehoben
. Sie weisen bewußt darauf hin, daß
ihr Schaffen dekorative Werte erzeugt, die
dem Architektonischen zustreben. Wir fragen
uns, worin das begründet liegen soll.
Daß wir es nicht etwa suchen können in
gewissen Äußerlichkeiten, wie, beispielsweise,
dem Hang zum Geometrisieren der natürlichen
Erscheinung, der uns oft genug entgegentritt,
brauche ich wohl kaum zu sagen. Es wäre ein
seltsamer Irrtum, wollte man glauben, schon
dadurch eine Berührung mit der Architektur
zu finden, daß auch ihr Wesen geometrische
Grundlagen hat. Was ein Stück Malerei architekturgemäß
macht und bewirkt, daß es im
Zusammenhang mit räumlichen Gebilden „dekorativ
" genannt werden kann, liegt in anderen
Eigentümlichkeiten begründet.
Sie sind nicht ganz einfach zu umreissen.
Aber wenn man sich aus dem ganzen Reich
der bildenden Kunst die Erscheinungen vergegenwärtigt
, die man als architektonisch-deko-
II.
rativ empfindet, so treten vielleicht drei Züge
besonders einprägsam hervor. Der erste betrifft
die räumliche Auffassung, die uns in einem
Stück Malerei entgegentritt; er beruht auf einer
gewissen Entwirklichung des bildlichen Raumes
. Diese Entwirklichung kann bis zu einer
vollkommenen Aufhebung eines uns geläufigen
Raumgefühls g-hen, wie wir das in gewissen
Kunstäußerungen sehen, die wir „primitiv" zu
nennen pflegen. Oder sie kann führen zu einer
Art Abbreviatur der räumlichen Beziehungen,
so daß etwa nur noch der unmittelbare Vordergrund
und der Hintergrund eine Rolle spielt,
wie es die besten europäischen Monumentalmaler
aller Zeiten geliebt haben.
Der zweite betrifft die Linienführung; sie
muß starke rhythmische Eigenschaften besitzen,
die bereits wirken, ehe noch das Gegenständliche
des Bildes in Betracht kommt.
Der dritte betrifft die Farbe; sie kann entweder
ganz neutral sein oder aber das alles
beherrschende Moment der Kunstleistung bilden
, und von ihr g'lt das gleiche wie von der
Linienführung: sie muß bereits ihre Wirkung
ausüben, ehe das Gegenständliche des Bildes
in Betracht kommt.
Das sind hervorstechende Eigentümlichkeiten,
die wir bald in dieser, bald in jener Form bei
den Werken aller Zeiten beobachten können,
wenn sie uns im architektonischen Sinne als
dekorativ erscheinen.
Diese Eigentümlichkeiten treten uns nun fraglos
bei den neuesten Erscheinungen auf dem
Gebiet der Malerei entgegen. Ja oftmals begegnen
wir ihnen in einer Absolutheit der Betonung
, daß wir stutzen. Wir sehen Bilder,
die im ersten Augenblick wie eine Sammlung
bunter, farbiger Lappen erscheinen. Konturen
prägen sich uns ein, deren gewaltsame Energie
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