http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_42_1920/0085
hervortreten, sie nach der Richtung einer Malerei
liegen, die zum Zusammenklang von geschmückter
Fläche und architektonischer Form
zu führen vermag.
Man kann also sagen: im Gegensatz zur
impressionistischen Auffassung der Malerei, die
nur zum Bild als Selbstzweck treiben mußte
und die Zusammenhänge mit dem Architektonischen
mehr gelockert hat als irgendeine Epoche
der Malerei, kann die expressionistische Auffassung
die beiden Schaffensgebiete wieder enger
zueinander führen. Danach hat sich die Architektur
lange gesehnt. Je öfter sie in den
praktischen Versuchen eines Zusammenklangs
mit der Malerei des neunzehnten Jahrhunderts
Schiffbruch erlitt, um so mehr empfand sie die
Notwendigkeit, die inneren Grundlagen wiederzufinden
, die nötig sind, um aus den einzelnen
Leistungen der Künste einen künstlerischen
Gesamtausdruck zu erzielen. Die höchsten
Eindrücke haben zu allen Zeiten erst auf diesem
Zusammenklang der Künste beruht.
Aber nicht dieser Gesichtspunkt, so wichtig
er an sich für die Welt des Schaffens zu werden
vermag, ist der eigentliche Kernpunkt dessen,
was uns an den Entwicklungssymptomen der
neuen Kunsterscheinungen bewegt. Wichtiger
noch scheint mir die Frage zu sein, ob die
gleichen inneren Wesenskräfte, die in der freien
Kunst zu jenen ganz besonders gearteten Erscheinungen
führten, nun auch in den Regungen
der Architektur bedeutsam hervortreten.
Es wäre wohl entscheidend für die Art und
Weise, wie man sich den Dingen gegenüber zu
stellen hat, wenn man sieht, ob man es nur
mit Einzelfragen zu tun hat, die allein im Sonderbereich
der freien Künste ausgetragen werden
müssen, oder ob es sich um Regungen handelt,
die als einheitliche Welle durch die Zeit zu
gehen beginnen.
Sieht man sich in der Architektur nach Erscheinungen
um, die dem verwandt sind, was
uns heute in den Werken des „Expressionismus
" entgegentritt, so könnte man vielleicht im
ersten Augenblick an gewisse groteske Äußerungen
denken, die in den ersten Jahren der neuen
Stilbewegung, an der Jahrhundertwende, auftraten
. Die ersten Improvisationen eines Olbrich
oder was Endell in die Welt setzte, als er an
die Wand seines Ateliers „Elvira" in München
ein merkwürdiges, quallig sich verbreitendes
Etwas gleichsam hinschleuderte, haben seinerzeit
ähnliche Wirkungen in der Masse harmloser
Betrachter ausgelöst, wie heute etwa eine
Ausstellung von Schmidt-Rotluff oder Marc.
Die Ähnlichkeit ist nur eine äußerliche. Sie
bleibt auf diesen Effekt beschränkt. Das, was
Olbrich oder Endell damals glaubten als Befreiungstat
von den Fesseln der Konvention
vollführen zu müssen, war bewußte Willkür ;
der Einfall, die Laune des Individuums wurde
dem Stilgesetze architektonischer Überlieferung
entgegengestellt. Was die Besten unter den
neuesten Wegsuchern wollen, ist im Gegensatz
dazu, die Formel für ein neues Gesetz ; den
Zufälligkeiten der äußeren Erscheinungen, die
dem Impressionismus seine Nahrung gaben,
wollen sie ein inneres Gesetz gegenüberstellen,
nach dessen Fassung sie auf verschiedenen
Wegen tasten, und für das manche bereits
einen so ähnlichen Ausdruck zu finden beginnen
, daß wir zuerst auf den Verdacht kommen,
sie schöpften ihn nicht aus der Quelle, sondern
aus dem Reservoir des Nachbarn. Wir
würden den neuen Erscheinungen unrecht tun,
wenn wir in ihnen Äußerungen eines bewußten
Willkürrausches eigenwilliger Menschen sehen
wollten, — sie sind Äußerungen bewußten Gesetzeswillens
eigenwilliger Menschen. Wenn uns
die gegenwärtige Etappe zu diesem Ziel so
seltsam vorkommt, so liegt das daran, weil sie
dies Gesetz nicht in der Außenwelt der Erscheinungen
, sondern in der noch wenig erforschten
Innenwelt des eigenen Wesens suchen. Ähnliche
Neigungen würden sich in der Architektur in
einer Weise äußern, die in ihren Ergebnissen
im ersten Augenblick vielleicht gar keine Ähnlichkeit
mit den Äußerungen der Malerei zu
haben scheint, weil die Mittel, mit denen die
Baukunst sich allein zu äußern vermag, so
ganz anders geartet sind.
Wir werden deshalb am leichtesten zu einer
Klärung der Sachlage kommen, wenn wir nicht
versuchen, uns klar zu machen, welche Erscheinungen
die gleichen Antriebe, wie wir sie in der
jüngsten Malerei vor uns sehen, in der Architektur
hervorrufen würden, sondern umgekehrt,
wenn wir die Erscheinungen, die zurzeit auf architektonischem
Gebiete auftauchen, betrachten und
uns fragen, welche inneren Antriebe in ihnen
zur Geltung kommen.
Die Forderungen, die man in jüngster Zeit
an die Architektur gestellt hat, sind mit einer
gewissen bemerkenswerten Übereinstimmung
von den verschiedensten, in keinem inneren Zusammenhang
stehenden Seiten, in ein Wort
zusammengefaßt worden, das gar nicht „modern"
klingt : das Wort „gotisch". So sehen — um
nur an einiges zu erinnern — zwei so grundverschiedene
Architekturbetrachter wie Hans
Much und Karl Scheffler im Geist der Gotik
das erlösende Prinzip für die bauliche Aufgabe
unserer Zeit. Der eine ein begeisterter Schwärmer
, dem der moderne Backsteinbau die Zeit
66
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_42_1920/0085