Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 42. Band.1920
Seite: 68
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_42_1920/0087
den Schlagworten vom „Gotischen" und „Griechischen
" ein Spiel gegensätzlicher innerer
Kräfte sehen, die nicht nur in den großen,
sich gegenseitig ablösenden Epochen der Kunstgeschichte
, sondern eigentlich auch im künstlerischen
Tun jeder Zeitepoche gegeneinander stehen.
In historisch gewordenen Epochen sehen wir
dieses Widerspiel nicht mehr, sobald die eine
Seite die andere entscheidend übertönt hat; dazwischen
liegen dann Übergänge, in denen die
Wage schwankt, bis die andere Schale in die
Höhe schnellt. In der Zeitepoche aber, in der
man selber lebt, wird man das Kräftespiel wohl
immer als ein stilles Ringen wahrnehmen können.

Wenn wir diesen Gegensatz in die Worte
„Gotisch" und „Griechisch" bannen, so ist das nur
ein Gleichnis; statt dieses Gleichnisses könnte
man auch ein anderes suchen, aber jedes Wort,
das man sucht, wird immer nur ein Gleichnis
bleiben. Im Gleichnis „gotisch-griechisch" wird
manches von dem. was wir in diesem geheimnisvollen
Kräftegegensatz vor uns sehen, sehr
treffend beleuchtet, manches aber erhält auch
durch die unvermeidliche historische Beengtheit
dieser Begriffe ein verzerrendes Schattenspiel.
Deshalb ist der Versuch vielleicht nicht überflüssig
, dem Verständnis für dieses große Ringen
, das den Kreislauf der künstlerischen Erscheinungen
in der Architektur durchzieht, auch
noch von anderen Gesichtspunkten aus näherzukommen
.

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Wenn die Kunst den Menschen immer wieder
mit besonders magischer Kraft anzieht, so
kommt das wohl daher, weil sie der eigentliche
Spiegel ist. der seiner Seele gegeben wurde.
Was uns aus ihr widerstrahlt, gibt uns die
faßbarste, ja vielleicht einzige Rechenschaft von
der rätselhaften Struktur unseres seelischen
Wesens. In den darstellenden Künsten sehen
wir dieses Spiegelbild meist gleichsam in indirekten
Reflexen Widerscheinen, in der Architektur
tritt es am ungebrochensten, ich möchte
sagen, primär hervor. So seltsam es im ersten
Augenblick klingen mag. im architektonischen
Kunstwerk schafft der Mensch vielleicht am
unmittelbarsten ein Etwas nach seinem Bilde.
Das ist natürlich nicht äußerlich gemeint, nein,
was in ihr besonders deutlich zutage tritt, das
ist das Bild der inneren Kräfte, aus denen
unser Menschentum geheimnisvoll aufgebaut ist.
Sie kommen in ihr zutage, weil sie der Mensch
instinktiv in einen Organismus hineinverlegt,
den er beleben will. Das eigentümliche Flächen-
und Raumgefühl, in dem wir Menschen leben,
und dem wir Ausdruck geben in den mathematischen
Vorstellungen, die uns beherrschen.
— das rhythmische Gefühl, das in uns wacht.

und ein geheimnisvoller Künder unserer Empfindungen
wird. — das dynamische Gefühl, das
uns innewohnt und uns fähig macht, unsichtbare
Kräfte zu verstehen, all das verlegen wir
in den Organismus des Bauwerks. Wir bauen
dies Werk auf nach den Gesetzen unseres
Flächen- und Raumgefühls, gliedern es nach
den Gesetzen unseres rhythmischen Empfindens,
formen es nach dem Gesetze unserer dynamischen
Vorstellungen, kurz, legen in die leblosen Gebilde
die Äußerungen unseres menschlichen Lebensgefühls
. Das strahlt dem Beschauer daraus zurück,
und er empfindet es als etwas ihm Verwandtes.

Nun liegt aber der Organisation unseres
menschlichen Wesens ein tiefgreifender Gegensatz
zugrunde, der uns entgegentritt, aus welchen
Gesichtspunkten wir auch immer die Dinge
betrachten. Nicht nur zerfällt unsere ganze
menschliche Natur in unser geistiges und in
unser physisches Wesen, deren Widerspiel wir
Leben nennen, nein, auch diese beiden verschiedenen
Seiten unseres Seins spalten sich wieder
in gegensätzliche Äußerungen. Unser geistiges
Wesen beruht einesteils auf einer abstrakten
Vorstellungswelt, die nur aus dem geheimnisvollen
Born unseres Innern entspringt und
andernteils auf einer sinnlichen Vorstellungswelt
, die gespeist wird von den Eindrücken der
Natur, die außer uns wahrnehmbar ist; —
unser physisches Wesen beruht auf dem unsichtbaren
Kräfteorganismus unseres Knochen-,
Sehnen- und Nervensystems und daneben auf
dem sichtbaren Kräfteorganismus unseres Muskelsystems
. Die Wirkungen des einen äußern
sich für uns in abstrakten, die des anderen in
sinnlichen Vorstellungen. Kurz, wir sehen überall
gegensätzliche Mächte, die im tiefsten Kern
eng verwandt sind, mögen wir sie nun mit dem
Begriff „geistig" und „physisch" oder „abstrakt"
und „sinnlich" oder „Innenwelt" und „Außenwelt
" bezeichnen.

Da nun das, was wir auf dem Gebiet des Bauens
Kunst nennen, nichts anderes ist als ein Stück
toter Materie mit dem Wesen unseres Mensch-
tums zu erfüllen, so ist es natürlich, daß dieser
grundlegende Gegensatz auch in ihren Werken
zum Vorschein kommt, und es liegt in der Natur
der Sache, daß das, was beim wirklich lebenden
Individuum nebeneinander besteht,
ohne dadurch eigentlich gemindert zu werden,
beim nur scheinbar belebten Organismus sich
gegenseitig verdrängt; herrscht beispielsweise
das abstrakte Wesen im Kunstwerk vor, so
tritt das sinnliche Wesen entsprechend zurück;
— sie ringen gleichsam miteinander. Die
ganze Entwicklung der Baukunst, alles, was
wir den Wandel der Stile oder den Wandel
der künstlerischen Anschauungen nennen, ist

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