Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 42. Band.1920
Seite: 70
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im allerletzten Grunde
nichts anderes als der
Reflex eines solchen
Ringens dieser beiden
Seiten unseres Wesens.
Wir sehen im ständigen
Wechsel bald die
eine, bald die andere
die Vorherrschaft üben.
Das tiefste Streben aber
geht nach einem Ausgleich
des Gegensatzes.
In großen Intervallen
wird ein Augenblick
solchen Ausgleichs ab
und an erreicht, aber
nie wird er verewigt,
denn stets drängt der
Saft der im Ansteigen
befindlichen unter den
beiden Kräften weiter
in das ihr gemäße Extrem
. So wird ein Wechsel
im tiefsten Wesen
der Kunst immer bleiben
: der Dualismus unseres
menschlichen Wesens
, der bei uns im
zeitlichen Nebeneinander
sich auswirkt,
vermag sich in der
Kunst nur im zeitlichen
Nacheinander auszuwirken
und erscheint
uns deshalb in dieser
Umsetzung als das
Wechselspiel einer
Wellenbewegung.

Wenn wir die Gesamtheit
der architektonischen
Erscheinungen
von diesem Gesichtspunkt
aus betrachten
, werden uns
tiefe innere Zusammengehörigkeiten
erst klar.

K. ROTH MÜLLER s ANHÄNGER IN GOLD MIT BAROCK
-PERLEN U. SMARAGDEN (OBEN) 3 BROSCHE
IN GOLD UND SILBER MIT BLAUEM OPAL, HALBPERLEN
UND RUBINEN (MITTE) □ BROSCHE
IN GOLD UND SILBER MIT RUBINEN (UNTEN,)

Das Abstrakt-Geistige

und das Organisch-Sinnliche sind die eigentlich
fundamentalen Gegensätze, die einander gegenüberstehen
. Die Art, wie sie sich in den verschiedenen
Kunstepochen in einseitiger Starrheit
oder in halbwiderstrebender Mischung oder
im gegensätzlichen Wechsel entwickeln, läßt
sich am anschaulichsten am jeweiligen Ornament
erkennen, das eine architektonische Entwicklungstufe
begleitet. Aber auch an der
Architektur selbst vermag man sie abzulesen,
wenn man sich vergegenwärtigt, was in einer
bestimmten Entwicklungsepoche, die wir „Stilepoche
" zu nennenpflegen
, im Vordergrunde
des künstlerischen
Wollens steht: der
struktive Gedanke oder
die dekorative Wirkung
. Das ist der Gegensatz
, in dem sich
auf dem Gebiet des
Bauens die Vorherrschaft
des Geistigen
oder des Sinnlichen
praktisch auswirkt.

Was mit diesem Unterschied
gemeint ist,
wird greifbarer, wenn
man etwa der ägyptischen
Kunst die griechische
oder der Gotik
die Renaissance gegenüberstellt
. Im wesentlichen
arbeitet die ägyptische
Kunst mit einem
sehr ähnlichen struk-
tiven Apparat wie die
griechische, nämlich
mit Säulen und Gebälk,
aber was in der ägyptischen
Kunst deutlich
fühlbar struktiv gebunden
bleibt und dadurch
einen starr-abstrakten
Charakter behält, den
Charakter der Skelettstruktur
des Baumaterials
, das wird in der
griechischen Kunst,
auch in deren strengster
Form, dem dorischen
Tempel, zu einer
symbolischen Konstruktion
umgedeutet,
die zu dekorativen Wirkungen
erweitert werden
kann. Die Materie
wird in allen ihren Formen muskelartig belebt
. Dadurch verliert sie den starr-abstrakten
Charakter und sie beginnt ins Gebiet sinnlicher
Wirkungen hinüberzuspielen, die alles
organisch Belebte hervorruft. Fast die gleichen
Worte können wir beim Vergleich der weit
komplizierter gewordenen Welten der Gotik
und der Renaissance (des Antikischen) wiederholen
; jede hat sich in ihren entgegengesetzt
gerichteten Eigentümlichkeiten in viel differenzierterer
Weise fortentwickelt, so daß hier der
Gegensatz zwischen Skelett und Muskel, der sich
umsetzt in den Wirkungsgegensatz „abstrakt-

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