http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_42_1920/0094
DER UMBAU EINES WOHN- UND GESCHÄFTSHAUSES
IN ZÜRICH
Wird ein Architekt vor die Aufgabe gestellt,
eines jener aufgedonnerten, in ihrer inneren
Einrichtung nach dürren und lieblosen Gedanken
flüchtig geplanten Geschäfts- und Wohnhäuser
aus den achtziger Jahren des letzten
Jahrhunderts für die Bedürfnisse weltmännisch
fühlender, künstlerisch empfindender Menschen
einzurichten, so wird sein Befund nach gründlicher
Prüfung meistens lauten: „Unmöglich;
abbrechen; neu bauen."
Daß es gelingen könnte, in dem Eckhaus an
der großen Geschäftsstraße in Zürich, das wir
hier in veränderter Gestalt vorzeigen dürfen,
eine zu großem gesellschaftlichem Leben geeignete
Wohnung zu schaffen, hätte man wohl
kaum für möglich gehalten. Die Räume waren
durch einen engen
, mit einem
platzraubenden
Korridor umgebenen
Lichtschacht
schmal
zusammengedrückt
, sie waren
unklar gegliedert
, unentschieden
zwischen den
Achsen und den
Ecken schwankend
, ihre innere
Verbindung war
ganz unübersichtlich
, unansehnlich
besonders
die Treppe,
welche diebeiden
Wohngeschosse
verband.
DerMünchner
Architekt Peter
Birkenholz, der
trotz dieser ungünstigen
Umstände
den Umbau
übernahm
und in der unglaublich
kurzen
Frist von sechs
Monaten zu Ende
führte, überwand
die Schwierigkeiten
besonders
dadurch,daß
ARCH. P. BIRKENHOLZ B. WOHNHAUS IN ZÜRICH: HAUSTÜR
er an Stelle des Lichtschachts und Korridors eine
zweigeschossige Diele mit großem Oberlicht und
einer monumental wirkenden Treppe setzte. Dadurch
gewann er an nutzbarem Raum, ordnete
die inneren Verbindungen klar und übersichtlich
und schuf eine angenehme Lichtquelle, von der
aus die ganze Wohnung mit behaglicher Helligkeit
durchflutet wird. Während er im oberen
Wohngeschoß, das von Gästen nicht betreten
zu werden braucht, die alte Raumanlage so
ziemlich unberührt ließ, schuf er im unteren Geschoß
einige nach streng architektonischem
Gesetz gegliederte Säle, die uns durch ihre
Schönräumigkeit mit einem edlen Behagen erfüllen
und dem Hausherrn die günstigste Gelegenheit
bieten, die Kunstwerke, die er sammelt
, unter vorteilhaften
Umständen
wirken
zu lassen. Da er
auch sämtliche
Möbel entwarf
und ihre Ausführung
überwachte
, wobei er eine
Reihe alterprobter
, aber halbvergessener
Techniken
in erneuter
Form und ohne
jegliche Stilkopie
zur Anwendung
brachte, lohnt
sich ein Rundgang
durch diese
Wohnung sehr,
für den Laien
nicht weniger als
für den Künstler
und Fachmann.
Durch das
Treppenhaus,das
nur die Wohnung
und nicht
die Geschäftsräume
bedient,,
betritt man den
Vorplatz, der in
schöner Aufteilung
und reicher
Profilierung mit
gebeizter Eiche
vertäfelt ist; ein
Dekorative Kunst. XXIII. 3. Dezember 1919
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