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ARCH. P. BIRKENHOLZ-ZÜRICH
WOHNHAUS IN ZÜRICH: LESETISCH AUS DER BIBLIOTHEK
gelungene Versuch, ihnen etwas Ebenbürtiges
und Wesensgemäßes an die Seite zu stellen, ist
hier wohl am weitesten gediehen. Jedes einzelne
Stück mußte zuerst in Ton modelliert werden,
damit der Holzbildhauer die Formgedanken des
Architekten ganz erfassen konnte. Lebhaft wirken
die Gobelinbezüge mit ihren freien großen
Pflanzenmotiven neben dem grünen Kochelleinen
der Wände. Wiederum ein eigenartiger
Bodenbelag aus rötlich gebeiztem Nußbaum mit
kräftigen schwarzen Quadraten. — Das Arbeitszimmer
in der Ecke blieb aus dem früheren baulichen
Zustand unverändert; es öffnet sich auf
dem Flur, um dem Hausherrn den ungehinderten
Verkehr mit seinen im untern Geschoß gelegenen
Geschäftsräumlichkeiten zu ermöglichen.
Die Räume des oberen Wohngeschosses sind
weniger ihrer architektonischen Verhältnisse als
ihrer feinen farbigen Stimmung und der Ausgestaltung
ihrer Möbel wegen von Belang. Das
Zimmer der Frau hat Wandbespannungen von
brauner Seide und hellblaue Bezüge der Stühle
erhalten; einzelne der dunkeln reich geschnitzten
Mahagonimöbel sind hier von besonders sorgfältiger
und gewählter Durchbildung.
Im Dachgeschoß wurde ein besonderer Teil
für die Bedienung und ein weiterer für die
Gäste abgetrennt eingerichtet. Als ein recht
anheimelnder Raum sei hier noch der Vorplatz
der zuletzt genannten Abteilung erwähnt; das
dunkle Holzwerk der Türen, die alten Möbel und
die angedunkelten Familienbilder stehen stark
und dauerhaft vor den weißen Wänden, die durch
ein vierteiliges Fenster mit farbiger Verglasung
ein angenehm gedämpftes Licht erhalten.
Diese durch drei Geschosse mit guter innerer
Verbindung sich entwickelnde Wohnung mitten
im Geschäftsviertel der Stadt, das sich dazu
noch über die ganze untere Hälfte des Hauses
erstreckt, hebt sie so hoch über den brausenden
Alltag hinweg, daß man ihn ganz darüber vergißt
. Man fühlt sich in einem stattlichen Landhause
, in dem es einem so wohl ist, daß man
gar nicht darauf verfällt, nach dem Garten zu
fragen. Und noch weniger denkt man an die
Fassaden des Hauses, die einer Zeit angehören,
von deren Wesen wir uns getrennt haben ; man
fühlt sich unter der räumlichen Harmonie, die der
Architekt mit solcher Vollendung zusammengestimmt
hat, so gesättigt und ausgeruht, daß
man sich um nichts mehr zu kümmern braucht,
was draußen gelegen ist. Albert Baur
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