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geringer sein kann, als bei den freien Künsten,
weil hier die beiden Kräfte sich am unlöslichsten
mischen, ja, er darf nur geringer sein,
weil die Architektur die besonnenste unter den
Künsten bleiben muß, da sie in ihren Werken
nicht nur sich selber, sondern auch einem Stück
Natur verantwortlich ist.
Aber ob weit oder weniger weit, die Richtung
, nach welcher der Pendel schwingt, ist
in der ganzen Kunst die gleiche, welche Mittel
auch immer der einzelnen ihrer Provinzen zu
ihrem Ausdruck gegeben sind, und es ist ein
seltsames, aber wichtiges Grundgesetz der Kunst,
daß nur der sich voll in seinem Schaffen auszuleben
vermag, der im Rhythmus dieser Bewegung
mitschwingt. Wohl kann er das Tempo
der Bewegung beschleunigend vorwärtstreiben,
wenn er selbst überragende Kraft besitzt, nie
aber kann er sie hemmen mittels dieser eigenen
Kraft; versucht er es im törichten Wahn, so
wird er nur selber zurückbleiben und allmählich
ersticken, weil der Strom belebender Luft
mechanisch weiter' gerissen wird im Sinne der
Bewegung des Pendels der Zeit.
Soll solche Erkenntnis vielleicht ein Rezept
sein für ein Jugendelixier des schaffenden
Künstlers ? Es wäre wohl überflüssig, diesen
törichten Gedanken überhaupt anklingen zu
lassen, wenn wir nicht in der Praxis des Lebens
allerorten Menschen sehen könnten, die so handeln
, als ob sie das glaubten. Nein, wenn man
aus dieser Erkenntnis überhaupt eine praktische
Schlußfolgerung ziehen will, dann wendet sie
sich nicht an den Künstler, sondern an den
betrachtenden Kunstfreund. Der schaffende
Künstler kann die Schwungkraft, die von Natur
aus in ihm steckt, nicht durch kluge Erwägungen
verstärken, sie ist ein Gottesgeschenk,
das er wohl klug oder unklug verwalten, aber
nicht künstlich züchten kann. Der Betrachtende
aber, dessen Kunst darin besteht, sich einzustellen
auf Richtung und Tempo der Bewegungserscheinungen
, denen er sein Interresse leiht,
kann durch die Erkenntnis der Zusammenhänge,
die wir versucht haben anzudeuten, in der
Fähigkeit gefördert werden, diese Einstellung
richtig vorzunehmen.
Vor allem aber ist es ein Gewinn für den
Genuß am zeitgenössischen Werden, zu sehen,
wie es nicht willkürliche Regungen sind, die
uns hin- und herwerfen, sondern wie die Welle
einer großen einheitlichen Bewegung alle künstlerischen
Erscheinungen durchdringt.
Vielleicht finden die verschiedenen Künste
den Weg leichter zueinander, wenn sie den
Gleichtakt dieses Pulsschlages fühlen, der durch
das Leben einer Zeitepoche geht.
Fritz Schumacher
ARCH. P. BIRKENHOLZ B WOHNHAUS IN ZÜRICH: OBERLICHT IN DER
GARDEROBE NACH MODELL VON BILDHAUER F. LOMMEL-MÜNCHEN
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