Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 42. Band.1920
Seite: 90
(PDF, 108 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_42_1920/0115
E. WASOW-MÜNCHEN

Photographie aus der Verantwortung des Photographen
auf die des Modells. Wie sahen sie
doch aus, die alten Leute! Wie saßen sie
menschlicher—wie standen sie menschlicher!

Wollte Wasow die Photographie wieder auf
den Horizont heben, unten den sie just durch
den Kunstkrampf neueren Photographierens gesunken
war, so kam es zunächst einfach auf
diese beiden Aufgaben an: am Menschen das
Menschliche zu sehen, oder, wenn das Wort
Menschlichkeit für unsere ganz unmenschliche
Zeit gewagt ist, das Wesenhafte, das Spezifische;
sodann das Wesenhafte des Modells in einer
sachlichen photographischen Arbeit festzuhalten
— ohne Chichi.

Dies scheint wenig. Aber es ist, wie alles
Einfache, Selbstverständliche und Grundlegende,
in unserer von Literatur, Aberwitz, Faxen verschütteten
Zeit ziemlich viel.
Jedenfalls ist es primär notwendig
.

Da wir Heutigen alles auf
differenzierte Weise zu betreiben
pflegen und kein Gebiet
existiert, das nicht von
differenzierenden Einflüssen
erreicht wäre, ist auch das
Erfassen der Erscheinung
durch das erkennende Auge
des geübten Photographen
keine ganz unmittelbare
Handlung mehr. Für einen
Photographen wie Wasow
liegt die Aufgabe so: abzuwarten
bis, und zu studieren
, wie der zu Photogra-
phierende das Spezifische
seines Wesens (wenn es das
gibt: unbewußt) darstellt.
Also: mit dem zu Photo-
graphierenden zusammen zu
sein, ihn kennen zu lernen,
die Stabreime seiner Gesten
abzufangen, den Rhythmus
der Erscheinung herauszubringen
. Früher waren die
Dinge einfacher: die Menschen
waren vielleicht durch
stärkere, jedenfalls durch
schönere Konventionalitäten
auch in der Erscheinung
zusammengehalten. Heute
macht jeder zufällig sich
selbst geltend, ohne daß wir
deshalb individuell sympathischer
oder auch bloß
merkwürdiger wären.

Ist aus der bewegten Erscheinung
ein arithmetisches Mittel abgezogen,
oder ein sehr bezeichnender (und auch fixierbarer
) Grenzzustand an ihr beobachtet, dann
erst beginnen die Gesetze zu wirken, die jenseits
des zu Photographierenden im Wesen des
Lichtbildes liegen.

Auch die Photographie ist eine Fläche, so gut
wie die Malleinwand. Auch die Photographie
ist Bild. Auch für sie besteht also die Aufgabe
: eine Fläche mit guter Regelmäßigkeit zu
füllen. Auch für den Photographen gibt es eine
Norm des formal Guten. Er muß die Erscheinung
, die ihr Spezifisches selbst dargestellt hat,
ins Viereck oder Oval bringen. Er muß seine
Mittel und — heikelster Punkt, doch unvermeidlicher
— bis zu einem gewissen Grad auch
das Modell ordnen. Ja wahrlich — heikelster
Punkt! Denn hier beginnt die kunstgewerbliche

BAUERNMÄDCHEN

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