http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_42_1920/0116
Gefahr des sogenannten Stilisierens
der Erscheinung. An
dieser Klippe geht die Photographie
leicht zugrunde.
Alles liegt hier im Takt des
Photographen und seines
Gastes: sie müssen wenn es
möglich ist, auf einander sich
einspielen. Wer Wasow an
der Arbeit beobachtet hat,
sah, daß dies so ist.
Photographie ist Lichtbild
. Es genügt nicht, „Rem-
brandtpapier" zu besitzen.
Man muß Gefühl für Form
haben; Empfindung für das
Verhältnis zwischen Licht,
Valeur und Form. Der gute
Photograph muß diese Empfindung
in den Nerven haben
, nicht im Rezept. Er muß
verstehen, wieso Vermeer
schön ist — ohne den insi-
piden Ehrgeiz zu haben, es
ihm gleich zu tun. Photo-
graphieren ist dennoch mehr
als technisch: eine Art von
Freiheit — von Kunst.
Endlich verwirklicht sich
das, was man auch beim
Photographen füglich Konzeption
nennen kann, im
Technischen. Die optische
und handwerkliche Arbeit
vom Einstellen des Objektivs
bis zu all den komplizierten
chemischen Prozessen
muß sauber und muß
spezifisch Photographie sein.
Exakt zu sein bleibt Nerv
der Photographie. Exakt sein bedeutet aber nicht:
lediglich mechanisch sein und hart werden.
Wiederum löst sich der technische Prozeß
in eine Reihe von liberalen Möglichkeiten auf,
die vom geschmacklichen Instinkt des Photographen
etwas verlangen. Dies vor allem verlangen
: daß er die Grenze der Photographie
nie überschreite, aber das differenzierte optische
, chemische, technische Repertoir mit einer
Freiheit spielen lasse, die immerhin eine Nachbarin
der Künste ist. Das Technische der modernen
Photographie ist so verfeinert und vielfältig
, daß es aus dem Bezirk des mechanisch
Notwendigen schon wieder in den der Willkür
übergeht. Man kann mit der Photographie
heute „viel machen". Sache des guten Photo-
E. WASOW-MÜNCHEN
KIND MIT PUPPE
graphen ist es, mit ihr nicht weniger zu machen
als alles — den Inhalt dieses Begriffs, des
„alles", aber nach einem scharfen Begriff zu
messen, dar jederzeit zu unterscheiden weiß,
was Photographie sachlich letzten Endes sein,
wie weit sie gehen kann. Es gibt im Technischen
der Photographie, wie vor der Palette,
heute die Qual der Wahl — eine Fülle der Möglichkeiten
. Es gibt Freiheit. Wo aber Freiheit
ist, da beginnt schon Kunst.
Photographieren ist eine Kunst. Sie ist nicht
bloß Ablauf eines technischen Prozesses, sondern
eine Berufsarbeit, die im einzelnen frei
zu entscheiden vermögen muß. Auch sie also
liegt im Instinkt — auch sie im Talent.
W. H.
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