Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 42. Band.1920
Seite: 110
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DIE KÜNSTLERISCHE GESTALTUNG DER ERSATZBAUSTOFFE

Die Eigenart eines jeden Baustoffes erfordert
seine besondere künstlerische Behandlung.
Diese Erkenntnis, bei jeder echten Baukunst
selbstverständliche Voraussetzung, schien in der
zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verloren
gegangen. Der Schein überwucherte das Sein,
äußerlicher Glanz den inneren Wert. Putz sollte

arch. p. thimister b haus gerstel: eingebauter
eckschrank aus dem eszzimmer

Werkstein, Marmorimitation bei mangelnden
Mitteln edles Material vortäuschen. Daraus
entstand jenes Bauen, das nicht in werktüchtiger
Arbeit dem Wesen des Stoffes zum Ausdruck
verhelfen wollte, sondern seine Natur
geradezu vergewaltigte. Statt aus Material und
Zweck die künstlerische Gestalt zu entwickeln,
klebte man der Konstruktion rein äußerliche
Formen an, die mit ihnen nichts zu tun hatten,
lediglich ein unorganisches Schmücken darstellten
. Das zeigte sich bereits, als die ersten
Eisenkonstruktionen ein neues Bauen forderten
. Noch heute kann man häufig gußeiserne
Säulen sehen, die Kapitäle, Basen, Kanneluren
aus den antiken Ordnungen, ranken- und blättergeschmückte
Unterzüge und Träger aufweisen
. Schlimmer waren fast noch jene Versuche
des Jugendstils, dem geschmiedeten Eisen willkürliche
, oft sinnlose Formgebilde aufzupfropfen
, die dem Material vielfach geradezu widersprachen
. Von den auf unmittelbare Täuschung
ausgehenden Versuchen, gute Schmiedetechnik
, z. B. Durchsteckarbeit durch Übereinanderlegen
von Stäben zu markieren, ganz zu
schweigen. Erst seit den letzten 20 Jahren kann
man von wirklicher Eisenarchitektur sprechen;
es sei nur an die neueren Brückenkonstruktionen
, die Bauten der Berliner und Hamburger
Hoch- und Untergrundbahn, Bahnhöfe und
sonstige Hallen erinnert. Aber auch hier ist
noch mancherlei, vor allem die organische Verbindung
von steinernem Unterbau und eisernen
Bogen ungelöst oder wenigstens noch nicht befriedigend
gelöst.

Die Fragen der künstlerischen Gestaltung
eines neuen Baustoffes traten wiederum in
schärfster Weise auf, als der Beton und seine
armierte Form, der Eisenbeton, im Hochbau,
zumal bei Industrieanlagen, eine immer größere
Verbreitung fand. War der Guß- und der
Stampfbeton bei Gewölbe- und Bogenkonstruk-
tionen, in Fundament und Mauerwerk auch
schon in alten Zeiten z. B. bei römischen Gewölbebauten
bekannt, so war seine spezifische
Erscheinung — eben die einer homogenen
Masse — doch künstlerisch nie ausgewertet
worden; wird auch in neuester Zeit der konstruktive
Aufbau doch vielfach noch ängstlich
hinter irgendwelchen Verkleidungen verborgen.
Allerdings aus den Bedingungen der Konstruktion
, dem Wirken der statischen Kräfte in
Pfeilern und Bogen, Unterzügen und Rippen
hat man in den letzten Jahren selbständige Ge-

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