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DEKORATIVE FARBIGE ZEICHNUNGEN VON F. P. GLASS
Unter den Künstlern der jüngsten, modernsten
Richtungen und bei ihren literarischen
Wegebahnern ist das dekorative Element in der
Malerei streng verpönt. Die scharf akzentuierte,
große Linie, die tief und laut hingebreitete Farbe,
soll dem Gegenstande Monumentalität und Bedeutung
verleihen, mit diesen Gestaltungsmitteln
allein soll sich die Bildidee aussprechen, während
der Gegenstand selbst, alles Persönliche
daran zurückdrängt, beschränkt und unterdrückt
wird. Aber nicht immer war es so. Als der Impressionismus
zu den letzten, ihm erfüllbaren
Konsequenzen gelangt war, als sich bei ihm deutliche
Symptome der Zersetzung und Auflösung
offenbarten, erhoffte ein nicht geringer und auch
nicht der schlechteste Teil der Künstler und
Kenner von einem rein dekorativen Stile eine
Gesundung, wenngleich hier ausgesprochen werden
muß, daß die Ästhetik zu einer scharfen
Formulierung der Anforderungen an dekorative
und monumentale Malerei, resp. zu einer klaren
Begriffsbestimmung der beiden Kategorien, die
das Wesentliche und Trennende der beiden Gattungen
scharf heraushebt, noch nicht gekommen
ist, daß die Begriffsbildungen immer etwas
Schwankendes und Verschwommenes in sich
bergen. Vielleicht aber kommt wieder die Zeit,
wo rein dekorative Werte mehr geschätzt werden
, ja vielleicht ist sie schon nahe. Denn bestand
bis vor kurzem immer noch die Hoffnung,
daß Staat und größere Kommunen den jungen,
nach Monumentalität ringenden, nach Aufträgen
für Malereien großen Stiles heischenden Künstlern
die nötigen Wände und namentlich auch
das übrige Erforderliche zur Verfügung stellen
könnten, so wird jetzt, nach dem unglücklichen
Kriegsende, wohl auf lange Zeit hinaus solche
Erwartung zu Grabe getragen werden müssen.
Und hier wird als logische Folgerung auf den
formauflösenden illusionistischen Impressionismus
recht wohl die dekorative Malerei, die auch
mehr konstruktiven Bestrebungen zuneigt, eine
Rolle spielen können.
Nur ungern und widerwillig ertragen eine
Belastung mit dem schweren Gepäck solcher
theoretischer Erörterungen die heiteren bunten
Zeichnungen von Fr. P. Glaß, die schon in der
Secessionsausstellung des letzten Jahres so manchen
Beschauer entzückten. Sie verlangen wenig
nach prinzipiellen Auseinandersetzungen über
Ziele und Aufgaben dekorativer Kunst, als graziöse
Schöpfungen, als lustige Kinder einer leichten
, spielerischen Phantasie, in der ein kleiner
Hang zur träumerischen Romantik mit weltmännischer
Eleganz sich paart, wollen sie betrachtet
und genossen sein. Die Stimmung des Rokoko
liegt über den Blättern, die doch von jener so
duftigen Epoche die kräftigere bestimmtere Farbe
scheidet. In den reichen, vegetativen Ranken, die
in der „Träumerei" das Bild umspannen und
durchziehen, es gleichsam einrahmen und ihm
Halt und Stütze verleihen, lebt ein Element vom
besten Geiste des Japonismus, durch das Medium
des 18. Jahrhunderts geschaut; und auch die
leise vergeistigte Erotik, die zaghaft ihr Wesen
treibt, hat den Geist des galanten Jahrhunderts,
fügt sich gut der stillen, beschaulichen Stimmung
der Blätter, die so gar nichts erzählen,
auch nicht posieren wollen. Auch das Fernhalten
von jeder symbolischen oder allegorischen
Absicht, wozu doch ein Thema wie das „Weiberschloß
" so manchen Künstler verlockt hätte,
sei ihnen hoch angerechnet. Es ist viel Kultiviertheit
in dieser weichen, gedämpften Malweise
, in dieser gobelinhaften Farbigkeit; und
als Entwürfe für vornehme Wandteppiche, für
den Schmuck eines Salettl oder einer Gloriette,
wie sie E. von Seidl liebte, kann man sich diese
flächig dekorativ gehaltenen Arbeiten in ihrer
feinen Stilisiertheit recht wohl vorstellen. Denn
ohne eine äußerliche, thematische Einheit zu
besitzen, liegt doch in den Blättern eine höhere,
kompositionelle Einheit des Bildeindrucks beschlossen
, die im vornehmlichen Sinne des Wortes
dekorativ genannt werden muß, eine innere
Harmonie, die sie geeignet macht, einen idealen
Flächenschmuck darzustellen, der aufs glücklichste
einer erwünschten, lichteren Stimmung
Rechnung trägt.
Man hat Glaß den Vorwurf gemacht, daß
seine Kunst eine solche von zweiter Hand sei,
ihn von Lendicke abgeleitet. Es brauchte nun
nicht Studien aus des Künstlers ersten Anfängen
, die lange vor Lendickes Zeichnungen
entstanden; es braucht nicht dieses juristisch
formulierten Nachweises. Für jeden, der tiefer
sieht, ist der stilistische Zusammenhang dieser
entzückend graziösen Blätter mit dem übrigen
Schaffen des bekannten Plakatkünstlers gegeben
; dem Geiste, aus dem heraus Glaß seine
Plakate schafft, ordnen sich diese farbigen Zeichnungen
völlig ein. Die Elemente aber, aus
denen heraus des Künstlers Stil sich entwickeln
läßt, darzulegen, ist nicht Aufgabe dieser Zeilen
, sondern müßte einer umfangreicheren Würdigung
vorbehalten bleiben. W. B.
Dekorative Kunst. XXT1I. 5. Februar 1920
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