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MAX HEIDRICH □ DAMEN-ARBEITSZIMMER. MAHAGONI POLIERT, GESCHNITZTE UMRAHMUNGEN:
MAKASSAREBENHOLZ
Ausführung: Werkstätten Bernard Stadler, Paderborn
ZU DEN ARBEITEN HEIDRICHS AUS DEN WERKSTÄTTEN
BERNARD STADLER, PADERBORN
In das Bild des deutschen Kunstgewerbes ist
im Laufe der Jahre eine erfreuliche Mannigfaltigkeit
gekommen. Angesichts der Arbeiten
Heidrichs, deren Abbildungen einen Teil dieses
Heftes füllen, lohnt es wohl, einen Augenblick
umzuschauen, um zu sehen, wie diese einfachen
und äußerlich schlichten Dinge zu den reicher
geschmückten sich verhalten, die die andere
Seite unseres Kunstgewerbes bilden und die
scheinbar so wenig zusammengehen wollen. Dem
Historiker sei ein Rückblick gestattet unter dem
Gesichtspunkte des Feldgeschreies von heute,
nämlich: mehr Handwerk, weniger Kunstgewerbe
.
Erinnern wir uns der Anfänge der neuen
Bewegung, in der ein linearer Zeichenstil unter
dem Einfluß von Englands neuem Kunstgewerbe
und von Japans stilisiertem Naturalismus die
Möbel bildete und schmückte, mit deren Ausführung
die Tischler nur mühselig zu Rande
kamen, weil der Künstler das Handwerkliche
nicht kannte und vom Holz unmögliche Linien
verlangte. Erinnern wir uns der Biedermeier-
Mode, die von diesem letzten Ausklang organisch
entwickelter Stile nur das Äußere übernahm
, ohne die stille eindringliche Lehre zu
begreifen, die die alten Originale in sich trugen:
„Wir sind gediegene Handwerker-Arbeit in feinen
Abmessungen und brauchen keinen Schmuck.
Hier waltet die unbewußte Selbstverständlichkeit
der Formen, wie sie sich aus der festen
Tradition alter Werkstattgewohnheit ergibt, die
ihr Material nach seinen Möglichkeiten und
seinen Schönheiten kennt." Wenn damals Leute
von Geschmack solche Originale kauften, so
waren diese Qualitäten der mehr oder minder
deutlich erkannte Grund. Man mußte sich auf
die tischlerische Konstruktion erst wieder besinnen
, und die Künstler, die sich damit befaßten
, entdeckten sie gleichsam neu. Und damit
trat die Konstruktion des Möbels in den
Vordergrund mit jenem Radikalismus, der solchen
Neuentdeckungen eigen ist. Das eigentlich
Dienende wurde Selbstzweck. Es war die
Zeit der theoretischen Formulierungen, eine
Erscheinung, die sich immer einzustellen pflegt,
wenn der Boden wankt und Neues zuströmt.
Wir haben noch den Klang jener starren Forderungen
vom Material usw. in den Ohren.
Die Idee der Typisierung kam auf; man glaubte
Dekorative Kunst. XXIII. 5. Februar 1920
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