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nender der Ruf „Zurück zur guten Tradition"
erscholl, als Schultze-Naumburg die ersten
gehaltvollen Bände seiner „Kulturarbeiten"
schrieb, als Paul Mebes vorbildliche Anlagen
und Beispiele aus der Zeit „um 1800" herausgab
. Diese Auffassung ist verständlich als ein
natürlicher Rückschlag auf die Zeit jener
schaffenden Persönlichkeiten, die von Tradition
nichts mehr wissen wollten. Wir aber,
Kinder einer neuen Zeit, müssen beide Gesichtspunkte
ablehnen, den ersten, weil er dem
Standpunkt genetischer Geschichtsauffassung,
die sich neuerdings allerorten Bahn bricht und
seit Tietzes1) und Frankls2) umfassenden Darstellungen
auch in die Kunstgeschichte Eingang
gefunden hat, keineswegs entspricht, weil sie
die stetige Entwicklung während des 19. Jahrhunderts
leugnet und meint, diese sei um
1800 abgebrochen und von einem willkürlichen
Konglomerat stilistisch-historischer Rekapitulationen
abgelöst worden.
Dieselbe Auffassung, wenn auch im entgegengesetzten
Sinne, führt zur Ablehnung des andern
Schlachtrufes: „Fort mit der Tradition",
und zwar muß sie notwendig dazu führen, weil
unter dem Gesichtspunkt stetiger Entwicklung
jener Ruf fatal an die mephistophelischen Worte
erinnert: „Bohrt sich selbst einen Esel und weiß
nicht wie." Denn auch jene Stürmer und Dränger,
die aller stetigen Entwicklung bewußt sich entgegenstemmen
und aus dem Borne ihrer Persönlichkeit
allein schaffen zu können vermeinen,
übersehen dabei, daß sie selbst unter den ehernen
, ewigen Gesetzen alles Seins und Werdens
stehen, daß all ihr revolutionäres Gebaren dem
historisch-geschulten Blick nichts als eine Entwicklungsreihe
ist, die sich bei genügendem
J) Tietze, Die Methode der Kunstgeschichte.
Leipzig, Seemann.
2) Frankl, Entwicklungsphasen der neuen Architektur
. Leipzig, Teubner.
zeitlichen Abstand restlos der Stetigkeit des
Geschehens einfügt.
Freilich, so lange man die Kunst als ein völlig
abgesondertes Gebiet auffaßt, als ein Gebiet, aus
dem weder Weg noch Steg in den Zusammenhang
aller Dinge führt, solange man hier nur
den Tummelplatz formaler Ideen und Probleme
sieht ohne Bezug auf das gesamte Kulturleben
der Zeit, solange wird sich schwerlich eine Brücke
zum Verständnis der hier wirksamen Faktoren
bieten. In der Tat scheint die uns hier beschäftigende
Frage nur lösbar, wenn wir uns
der Worte Sempers über den innigen Zusammenhang
der Architektur mit allgemeinen Kulturzuständen
erinnern und sie dahin ergänzen,
daß wir die engen Beziehungen aller Kunst mit
der Kultur ins Auge fassen. Ist dieser Standpunkt
aber, der uns den Blick um vieles erweitert
, einmal gewonnen, so beleuchtet die Tatsache
, daß um die Mitte des 19. Jahrhunderts
die Kontinuität des deutschen Geisteslebens
überhaupt jäh unterbrochen erscheint, blitzartig
die Situation. Die Unterbrechung des stetigen
Entwicklungsflusses der Baukunst wie aller
Kunst ist nun nicht mehr ein Sonderproblem
der formalen Kultur, ein beispielloses Phänomen
ohne lebendige Wechselwirkung mit den
übrigen Lebensäußerungen der Nation. Damals
wie heute gärte es überall; Revolutionen und
Putsche flammten allerorten auf. Das Volk der
Denker und Dichter wurde politisch. Aber
während der eine Teil der Nation die Idee des
Kaisertums als die natürliche Krönung und Vollendung
des aufzubauenden neuen Reiches in
sich aufnahm und diese Idee mit allen Kräften
zu fördern suchte, stand auf der anderen Seite
jene große, vorwiegend intellektuelle Schicht,
die aus den Zeiten klassischer Philosophie und
Dichtung her das Ideal des Weltbürgertums
in sich trug.
Es kann meine Aufgabe nicht sein, hier einen
Abriß der politischen Geschichte Deutschlands
Obergeschoß
ARCH. HERMANN MUTHESIUS-NIKOLASSEE □ HAUS GAFFRON IN SCHLACHTENSEE B. BERLIN: GRUNDRISSE
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