http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_42_1920/0198
der Unruhe der Zeit zurück auf die Formen,
in denen klassische Kühle zum Ausdruck kam,
zu den Gestaltungen harmonischer Auflösung
aller Dissonanzen. Hellas vor allem erschien —
ob mit Recht oder Unrecht bleibe dahingestellt —
als die vollendet harmonische Kultursphäre, als
eine von Harmonie zwischen Körper und Geist,
zwischen Gott und Welt erfüllte Epoche der
Menschheitsgeschichte.
Jene Tage waren wie die heutigen und alle
großen Wendepunkte der Geschichte Anfang
und Ende zugleich. Der große, nicht zu verkennende
Unterschied aber zwischen damals
und jetzt liegt darin, daß jene Zeit das Ideal
JÜSl
ARCH. ALB. RIEDER-BERLIN □ LANDHAUS
der Ausdruckskultur in vergangenen Tagen
suchte, den Paradiestraum, den Traum von dem
goldenen Zeitalter noch träumte. Wir Heutigen
aber stehen grundsätzlich auf anderem Boden;
allzusehr hat sich der Gedanke stetiger Entwicklung
Bahn gebrochen, ein Gedanke, der seine
psychologische Erklärung ganz unabhängig von
dem naturwissenschaftlichen Entwicklungsbegriff
Darwin-Häckelscher Prägung in dem durch
die Soziologie erhärteten empirischen Gesetz
von der historischen Struktur des menschlichen
Bewußtseins gefunden hat. Wir wissen heute, daß
auf geistigem, psychischem Gebiete ebenso ein
Trägheitsgesetz herrscht wie die Beharrungs-
MANN IN WANNSEE: ERD- U. OBERGESCHOSZ
168
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_42_1920/0198