Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 42. Band.1920
Seite: 176
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philosophari — gewiß; unseren unentwegten
Revolutionären aber ist der Nachsatz offenbar
herzlich gleichgültig, wobei ich die wahrhaft
idealistisch denkenden Führer auch der Radikalsten
unter den Radikalen auszunehmen bereit
bin und nur von der revolutionären Bewegung
als Massenerscheinung spreche. Hier ist
die Stelle, wo sich meines Erachtens die große
Schicksalsfrage sowohl für die deutsche Kultur
als auch für die gesamte Menschheit erhebt: gelingt
es uns, die organische Verschmelzung der
geistigen Revolutionierung mit dem Sozialismus,
diesem Widerpart des Kapitalismus, zu vollziehen
oder nicht?

Wir sind am Scheidewege; wollen wir in
einer Umgruppierung der stofflichen Güter der
Welt der Weisheit letzten Schluß erblicken,
oder wollen wir mit tiefster Inbrunst an den
Sieg des Geistes über den Stoff glauben, an den
Sieg des großen, erhabenen Gedankens von der
Stellung des Menschen als Mittelpunkt von
Leben und Welt und die demgegenüber nachgeordnete
Bedeutung aller Sachkultur, jeglichen
Kultus der Dinge.

Heute stehen wir noch mitten zwischen diesen
beiden Ideenwelten, und wir leiden jeder
für sich und alle mitsammen unter dieser Dissonanz
unseres öffentlichen Lebens, diesem Zwiespalt
zwischen Wollen und Vollbringen. Und
weil uns somit das Leben Erleiden bedeutet,
hat sich unser ästhetisches Bewußtsein den
Formen der Unruhe und des Leids zugewandt,
als welche Scheffler die gotische Kunst treffend
charakterisiert. Kunst aber ist das in
sichtbare Form gegossene Lebensgefühl einer
Kulturgemeinschaft. Und darum umfaßt unser
Gefühl als wesensverwandt die Bildungen gotischer
Meister. Darum aber auch schweift unsere
nach Vollendung und Harmonie ewig dürstende
Seele immer wieder zu den Formen klassischer
Ruhe zurück, und als genießende Betrachter
umfassen wir beides, Gotik wie Klassizismus,
mit verstehender Liebe. Schaffen aber müssen
wir ein Neues aus uns heraus, als eine Objek-
tivation unseres eigenen Lebensgefühls, das sich
weder mit gotischer Transcendenz noch mit
klassischer Ruhe restlos deckt.

Leo Adler

ARCH. HANS UND OSKAR GERSON-HAMBURG

HAUS D. IN GROSZ-FLOTTBECK

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