Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 42. Band.1920
Seite: 192
(PDF, 108 MB)
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gegeben wird, die ihnen zukommt, und daß
viele Irrtümer, die aus mangelnder Erkenntnis
dieser Dinge entstanden sind, in Zukunft vermieden
werden. Es zeigt sich aber auch nach
diesem Gedankengang, daß diese Bauten der
Architekten, die instinktiv oder bewußt auf
diesem Boden des Handwerks und des Geschmackes
geschaffen haben, auch gegenüber
den neuen Anschauungen am besten dastehen.

So auch die Arbeiten des Architekten Roß,
der als Erbauer von städtischen und ländlichen
Wohnhäusern, besonders in der Stadt Hannover
, viele Werke an die Straße gestellt hat,
darunter auch das hier behandelte Landhaus.
Auch wenn man es nicht sagt, erkennt man,
daß dieses Haus in der Nähe einer Stadt
stehen muß, im Gebiet der Villen, und es
spricht für den klaren Verstand des Architekten
, daß man sich nicht erst zurechtfinden
muß in der Bedeutung dieses Hauses. Der
Zweck des Bauwerkes, wohnliche Räume in
einer dienlichen Behausung zu geben, ist so
klar in der Fassade ausgedrückt, daß man schon
aus ihrem Anblick glaubt, sich in den Räumen
zurechtfinden zu können.

Das Untergeschoß hält sich wie ein guter
Diener so zurück, daß man es kaum bemerkt.
Nur der Eingang ist betont. Ja, man kann
sogar diesen „guten Diener" vollständig übersehen
, und das Haus ist noch vollkommen in
seinem eigentlichen Wert, wenn man das Untergeschoß
, wie es im Vorbeikommen leicht
geschehen kann, gänzlich übersieht und nur
die Räume des Besitzers betrachtet: den Mittelstock
und den Oberstock.

Das Mittelgeschoß ist so durch die Fenster gegliedert
, und diese Gliederungen sind durch den
geschmackvollen Schmuck so betont, daß man
erkennt: hier ist der Wohnraum, hier müssen
Wohnzimmer, Speisezimmer, Empfangszimmer
sich befinden, hier vollzieht sich der gesellschaftliche
Verkehr des Hauses. Schon
äußerlich sind die privaten Gemächer davon
abgerückt durch die Horizontale, die als überdachtes
Gesims über den Mittelstock gelegt ist
und gleichzeitig dem Mittelstock etwas Trauliches
und Wärmendes gibt, die Schlafräume
aber entfernt in eine Welt für sich. Das alles
ist so klar, so bestimmt hingesetzt in einer
Sicherheit, wie wir sie nur noch bei dem guten
Handwerker finden und bei dem Mann, der die
gesellschaftlichen Formen als selbstverständlich
beherrscht. Dieser allgemeine Eindruck wird
bestätigt, wenn man in Einzelnes eingeht.

Die architektonische Gestaltung des Vorgartens
nimmt voller Einsicht den schmalen vorhandenen
Raum nicht als unzulängliches Mittel,
Ländliches und Parkähnliches vor das Haus

zu tragen, wo es leicht kümmerlich und unordentlich
wirkt, jenem Verfahren angenähert,
das der Berliner so treffend ausdrückt, wenn
er den Wirt zum Portier sagen läßt: „Johann,
tragen Sie den Garten hinaus!" Dieser Jammer
ist vermieden, indem schon seine Möglichkeit
entschlossen beiseite geschoben ist. An Stelle
der Natur tritt in diesem Vorgarten städtische
Architektur und schafft so dem Hause eine
gesicherte Freiheit, in der sich Ordnung zur
Schönheit erhebt, und der quellende Schmuck
des Natürlichen, der zum Landhaus gehört, im
spielenden Wasser des Brunnens, in stehengebliebenen
Bäumen und seitlichen Rabatten, mit
Blumen vor den Fenstern und auf dem Balkon
nur schmückend, nicht als Eigenwert wie der
Park oder der Bauerngarten, seine gemessene
und sinnvolle Verwendung gefunden hat.

„Im Anfang war der Grundriß", kann man
auf die Architektur angewandt ein Grundlegendes
variieren. Dieses Gerippe ist wohlbedacht
und freundlich, wie gute Gerippe von Haus
aus sind. Man muß nur mit ihnen zu verkehren
wissen. Da diese Wissenschaft aber
bei uns im allgemeinen nicht verbreitet ist,
und wir uns gemeinhin davor fürchten und
nur das Durchpulste und Schwellende schätzen
, dem wir im Leben begegnen, so ist es
vielleicht willkommener, das schöne Leben dieses
Baues nicht aus dem Grundriß zu demonstrieren
, sondern sich im Schein der Wirklichkeit
zu ergehen.

Wir treten in den Vorraum, in dem der
Pförtner oder die Dienstboten uns in Empfang
nehmen, oder die Möglichkeit haben,
mit Ungebetenen zu verhandeln. Erst dann
empfängt uns eigentlich das Haus mit der
Eingangshalle, großzügig, weit, geräumig, eine
Tenne ins Bürgerliche, ins Städtische gewandelt
, und dem Gesellschaftsanzug entsprechend.
Hier kann dem Gaste freudig entgegengeeilt, hier
kann er auch gemessen hindurchgeführt werden.
Auch ist dieser Raum gestaltet und sinnvoll
in Beziehung gesetzt zu dem Schwärm der abziehenden
Gäste. Möbel sind nicht untergebracht,
denn hier begegnet man sich im Mantel, den
Hut in der Hand. Die Garderobe wird erst abgelegt
, wenn diese große Halle durchschritten
ist, in einem Wandelraum, der durch zwei offene
Durchgänge mit der Halle in Verbindung steht.
So vermittelt diese Halle Maß und Größe dieses
Hauses, Maß und Größe der Lebensart seiner
Bewohner; und mit diesem ersten Eindruck, der
immer bestimmend ist, schreitet man die Treppe
in niedrigen Stufen bequem hinauf in das erste
Stockwerk durch eine Kaminhalle in die wohnlichen
Räume, die Kleid und Sinnbild sind einer
geordneten Kultur. Alles ist bezogen auf eine

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