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F. STAEGER-MÜNCHEN
ENTWURF FÜR EIN BÜCHERZEICHEN
NEUERE GRAPHIK VON FERDINAND STAEGER
Das Sprichwort, daß Totgesagte lange leben,
muß doch wahr sein, wie es ja sicherlich
keinerlei Spruchweisheit gibt, in der nicht jahrhundertealte
Erfahrung Gestalt gewonnen hätte.
So hat man denn auch beobachtet, was in dieser
Sentenz knapp und klar ausgedrückt ist. Und
wir müssen es bestätigen, und zwar auf Grund
einer Erkenntnis, die uns in den letzten Jahren
geworden ist. Überall konnte man es nämlich
hören und gedruckt lesen, daß die alte Romantik
in Literatur und Kunst tot sei und daß der
Leichnam irgendwo unbeachtet vermodere. Es
sei eine neue Zeit gekommen, die keinen Sinn
und keine Muße mehr habe für solche Dinge,
eine harte, ganz unromantische Zeit mit anderen
Idealen und anderen Begriffen von Schönheit,
Ausdruck, Stimmung und dergleichen mehr. Nun:
diese Zeit ist allerdings da, wir leben mitten in
ihr, und wohin wir sehen, drängen sich uns die
neuen Ideale auf und verlangen, daß wir uns
mit ihnen auseinandersetzen, mehr noch: daß
wir uns zu ihnen bekennen. Viele unter uns
tun das auch; einige, weil ihnen das Neueste
immer das beste scheint, andere, weil sie sich
tatsächlich dazu hingezogen fühlen. Und diese
letzteren muß man respektieren, wenn man sie
auch nicht immer ganz verstehen kann.
Aber wir sehen, daß die Herrschaft des Neuen
durchaus nicht allgemein ist und sich eigentlich
nur auf einen, wenn auch sehr großen Kreis
Gleichgestimmter und -Gesinnter beschränkt.
Außerhalb dieses Kreises jedoch gelten die
alten Gesetze, mag auch die Form sich vielfach
beträchtlich gewandelt haben, im wesentlichen
noch unverändert. So sehen wir überall
in der Kunst die Romantik — auch in der
modernsten Kunst ist mehr davon als manche
ahnen — ihre Netze ausspannen und die Seelen
in Massen einfangen. Und was ein großer Teil
der angeblich lebenden Kunst von heute und
morgen niemals erreichen wird, da sie den Weg
zu den Herzen der kunsthungrigen Menschen
nicht zu finden weiß, das gelingt der „toten"
Romantik sozusagen von selbst und ohne daß
sie etwas anderes tut als da zu sein und so zu
sein, wie sie nun einmal ist. Und wer möchte
angesichts dieser tatsächlichen starken und tiefen
Wirkung noch länger die letzten Endes doch
willkürliche Etikettierung „alt" und „neu" aufrechterhalten
? Oder, wenn doch: verdient dann
nicht eigentlich jene Kunst die Bezeichnung neu,
der auch die frischeste und unmittelbarste Wirkung
beschieden ist? Denn die Neuheit muß
nicht immer und ausschließlich in der Form
liegen ; sie kann auch allein oder hauptsächlich
durch den Geist zum Ausdruck kommen,
der in einer Arbeit Gestalt gewonnen hat. Und
wenn dieser Geist Romantik heißt, so ist er
ohnehin, wie wir gesehen haben, zu einem so
langen Leben vorausbestimmt, daß man schon
fast von Unsterblichkeit reden könnte.
Auch Ferdinand Staeger ist einer von jenen,
in denen die Romantik die Unzerstörbarkeit
ihrer Wirkungskraft immer wieder von neuem
beweist, und immer wieder zum Erstaunen auch
dessen, der sich von diesem Künstler nur des
Ungewöhnlichen versieht. Ja, man möchte fast
sagen, daß die Romantik selbst, in höchsteigener
Person, sich in Staeger inkarniert habe, um an
einem Beispiel außergewöhnlicher Art zu zeigen,
was sie, allem Zeitenwandel zum Trotz, immer
noch sei und vermöge. Es ist vielleicht ganz
Dekorative Kunst. XXIII. 7. April 1920
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