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F. STAEGER BÜCHERZEICHEN
gut, an dieser Fiktion festzuhalten; denn sie
allein könnte eine halbwegs hinreichende (wenn
auch nur eben wieder eine romantische) Erklärung
für die zeichnerisch-technischen Wunder
und für die bunte Fülle der Gesichte geben,
die uns beim Durchkosten des graphischen Werkes
Staegers schon immer aus einem Staunen ins
andere geraten ließen. Und so ist es auch heute
wieder, da wir vor einer Auswahl aus der Ernte
der letzten Zeit stehen. Das Phänomen Staeger
will nicht aufhören, uns zur Bewunderung zu
zwingen. Und daß es dieses Ziel jedesmal vollkommen
erreicht, obwohl es eigentlich immer die
gleichen, nur wenig variierten Mittel anwendet,
ist vielleicht der unwiderleglichste Beweis dafür,
daß diese Kunst weit davon entfernt ist, nur tändelndes
Spiel mit Linien und Formen zu sein.
Eine Phantasie wie dieStaegers, die ungehemmt
und reicher Beute gewiß durch alle Erd- und Himmelskreise
schweifend zieht, muß ihren Herrn
und Meister vor allem zum Illustrator geeignet
machen. Und es ist in der Tat so, daß Staeger
immer schon gerne auch Gelegenheiten zum
Schmücken und Begleiten von Texten wahrnahm
. Aber so recht auf diesen Weg ist er, nach
überaus zahlreichen Schöpfungen der freischaffenden
Phantasie, doch erst seit Jahr und Tag
gekommen. Es haben sich Verleger gefunden,
die ihn verständigerweise machen lassen, was
ihn freut, in der richtigen Erkenntnis, daß solche
ohne Zwang und Beschränkung entstandene Arbeiten
auch dem Publikum zur Freude geschaffen
sind. Und, was mindestens ebenso wichtig ist:
es sind auch die einzig geeigneten Anreger für
die nun einmal im Romantischen wurzelnde
Phantasie Staegers in Tätigkeit gesetzt worden:
Eichendorff, Mörike und Stifter. Daß vom
Dichter des „Hochwalds" und der „Bunten
Steine" zu Staeger irgendwelche geheime Fäden
laufen, muß jedem, der Stifter kennt — und
wer wäre das nicht? — einleuchten. Damit ist
natürlich noch nicht gesagt, daß die Staeger-
schen Illustrationen z. B. zur „Narrenburg" sich
dem Wesen dieser Erzählung (und ihres Erzählers
) so anzupassen verstünden, daß eine
absolute Einheit zwischen beiden geschaffen
wurde. Vielleicht ist etwas derartiges überhaupt
nie ganz möglich. Bei den Staegerschen
Blättern hat man jedenfalls das Empfinden, daß
sie zunächst einmal und sogar in besonders
hohem Grade „staegerisch" sind. Aber ein gewisses
Etwas, das der Künstler (auch der Musiker
) immer besser ausdrücken kann als der
Schriftsteller und das den gemeinsamen Hintergrund
für Staeger und Stifter bildet, ist ohne
Zweifel da ; und so bewirken die Radierungen
Staegers, daß der Leser die Stimmungskraft der
Stifterschen Erzählungskunst weit unmittelbarer
und intensiver an sich erfährt als ohne die Illustrationen
; es fließt eben von diesen manches in den
Text über, so daß dieser, ohne selbstverständlich
irgendwelche Änderungen zu erfahren, vielfach in
einem neuen und interessanten Licht erscheint.
Man kann so ziemlich das gleiche auch von
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F. STAEGER □ ENTWURF F. EIN BÜCHEFZEICHEN
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