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ARCH. H. SÖRGEL-MÜNCHEN
TANZÜBUNGSRAUM (AUS DER VOGELSCHAU)
VORSCHLAG ZU EINEM TANZÜBUNGS- UND
VORFÜHRUNGSRAUM
Nach einer Epoche einseitiger Geisteskultur
geht die Sehnsucht der Zeit nach Vervollkommnung
der Körperbildung. Der nur geistig
arbeitende Mensch erkennt immer deutlicher,
daß er auf dem Wege zu einer idealen Totalbildung
nicht über einen gewissen toten Punkt
hinwegkommen kann, wenn ihm nicht auch sein
Körper in bestimmten natürlichen Gesetzmäßigkeiten
, wie z. B. Rhythmus und Harmonie, Folge
leistet. Besonders der künstlerisch interessierte
Mensch muß sich immer mehr von der Notwendigkeit
geistig rhythmischer Durchdringung
seines Körpers, formal harmonischer Beherrschung
seines ganzen Wesens überzeugen. Von
Mensendieck und Duncan ging die Körperbildung
aus. Als besonders wichtig und befruchtend
wurde die Meisterung der Glieder für das Musik
-Studium und -Verständnis erkannt. Von da
griff die Bewegung auf die Schauspiel- und
Gesangsschulung über ; auch Redner und alle
in der Öffentlichkeit stehenden Personen werden
erst frei und unbefangen, wenn sie eine
gewisse Beherrschung ihres Körpers erreicht
haben. Der Atem — der göttliche Odem —
ist dabei das innere belebende Element des
ganzen menschlichen Wesens und der Mechanik
seiner Glieder. Und so kommen auch religiös
geistige Bestrebungen wie z. B. die Rudolf Steiners
ganz natürlich und selbstverständlich zur
Eurhythmie. Wir sind wieder — wenn auch in
viel differenzierterer Form — auf dem besten
Wege zur klassisch-griechischen Bildung, wie
sie im yuuvaöiov gepflegt wurde. Deshalb sind
auch die vielen künstlerischen Tanzdarbietungen,
wenn zwar die meisten nicht über ein Durchschnittsmaß
hervorragen, so begrüßenswert:
sie stillen den Hunger nach schöner Bewegung
und werden ein Ansporn zur Verbreitung der
Körperkultur.
Wie der Tanz dem Zeitrhythmus nach mit
der Musik verwandt ist, so ist er es dem Raumrhythmus
nach mit der Architektur! Während
aber die erstere Verwandtschaft von der heutigen
Tanzkunst voll gewürdigt und zum Teil
zu ihrem Vorteil ausgenutzt wurde, hat sie die
fundamentalen Zusammenhänge mit der umgebenden
Architektur und Raumkunst noch
lange nicht erkannt und fast gar nicht berücksichtigt
. Hier muß die Weiterentwicklung des
Tanzes und der Körperbildung vor allem einsetzen
, um einen tüchtigen Schritt vorwärts
zu kommen. Aus dieser Erwägung heraus ist
die Idee zu obenstehendem Vorschlag eines
Übungs- und Aufführungsraumes entstanden, der
Dekorative Kunst. XXIII. 7. April 1920
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