http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_42_1920/0246
ARCH. H. SÖRGEL-MÜNCHEN
TANZÜBUNGSRAUM (QUERSCHNITT)
im Grunde nur eine Vereinfachung meines schon
vor zwölf Jahren gemachten Entwurfes zu einer
Duncan-Tanzschule darstellt.
Zunächst ein paar Worte über die Bedeutung
und Beeinflussung des umgebenden Raumes
auf den Menschen überhaupt! Schon Goethe
erkannte, daß die Architektur nicht nur für das
Auge, „sondern auch für den Sinn der mechanischen
Bewegung des Körpers" Anregungen
gibt. Der feinere Beobachter
wird leicht
finden, daß in vielen
räumlichen Situationen
eine Triebkraft aus
dem äußeren Milieu
erzeugt wird, welche
ganz bestimmte innere
Bewegungsempfindun -
gen wachruft. Und
diese inneren Empfindungen
veräußerlichen
sich hinwiederum zu
wirklichen Bewegungen
, so daß man in der
gegenseitigen Reaktion
zwischen Raumpotenz
und Empfindungseindruck
ein zirkuläres
Wirkungsverhältnis
anerkennen muß. Die
in dem Räume liegende
motorische Triebkraft
ist ja durch die Bewegungsempfindungen
des Raumschöpfers in sie hineingelegt worden.
Und dieses Gefühl wird immer wieder durch den
erfahrungsmäßigen Bewußtseinsinhalt akut und
angeregt, daß man sich in den Räumen herumbewegen
muß, daß ja die Abmessungen gerade
aus den nötigen Bewegungen in ihnen bestimmt
werden und daraus entstehen*). Wie
verschieden sind z.B. die Bewegungsanregungen
in einem engen, langen Korridor, in einem Zirkus
, in einer Klosterzelle
, in einem Audienzsaal
! Und nicht nur die
allgemeinen Ruhe- und
Bewegungszustände
des Empfindenden werden
durch die räumliche
Wahrnehmung
affiziert, auch feinere
Lebensgefühle, wie
Freude, Freiheit, Ehrfurcht
, Lebenslust, Tatkraft
, Konzentration,
Takt, Rhythmus usw.
stehen damit in engstem
Zusammenhang.
Kein Zweifel, daß gerade
die Tanzkunst
GRUNDRISZ
HAUPT-
GESCHOSZ
*) Näheres hierüber
siehe: Sörgel „Theorie
der Baukunst", Bd. I,
S. 103. — R. Lucae „Über
die Macht des Raumes
in der Baukunst" (Zeitschrift
für Bauwesen,
Berlin 1869).
214
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_42_1920/0246