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durch die Meliorations- und Siedelungstätigkeit
Friedrichs des Großen in blühende Fluren verwandelt
worden sind.
Die Erbauerin des Schlosses ist die Königin
Ulricke Friederike, die zweite Gemahlin Friedrich
Wilhelms II. Sie ließ sich den Bau als
Sommerpalais errichten, ein Jahr nach dem Tode
ihres Gatten, 1798. Die Oberleitung des Baues
hatte David Gilly, die Ausführung der Berliner
Maurermeister Hilke, der schon vor dem auf
Wunsch Friedrich Wilhelms III., des Sohnes
der Königinwitwe, erfolgten Eingreifen Gillys,
nach eigenen Plänen den Bau begonnen hatte.
Wir haben es also mit einem Damensitz zu tun.
Die im Gegensatz zu dem üblichen gestreckten Bau
des Rokokolandschlosses gewählte kurze Rechtecksform
des Grundrisses, die fünf Fensterachsen
sowie das obere Halbgeschoß des zweistöckigen
Aufbaues erinnern in den großen Zügen an zwei
ebenfalls für Einzelpersonen eingerichtete Landsitze
bei Paris, Klein Trianon für Ludwig XVI.
(Gabriel) und Bagatelle für Marie Antoinette
(Belanger). Das hellverputzte Äußere schließt
sich in seiner schlichten Haltung, der klaren
Pilastergliederung den sonstigen Bauten des
Gillyschen Stils an. Es ist leider in den dreißiger
Jahren, als die Prinzessin Radziwill das
Schloß bewohnte, umgeändert worden; an dieser
Stelle müssen wir uns versagen, darauf einzugehen
. Herr Dr. Rathenau hat den ursprünglichen
Zustand wieder herzustellen sich bemüht,
soweit dies bei dem gänzlichen Fehlen von
Bauzeichnungen möglich war. Zutaten seiner
Hand sind der Treppenaufgang vorne und der
Säulenausbau an der Stadtseite. Die eigentliche
Eingangsfront ist, wie stets im Landhaus des
18. Jahrhunderts, auf der Rückseite, d. h. auf
der von der Straße ab nach dem Garten zugekehrten
Fassade. Hier führen drei in der
Mittelachse liegende Türen vom Garten direkt
in das Innere, während der Bau sich vorne
der abfallenden Böschung des Berges entsprechend
auf ein hohes Sockelgeschoß stützt,
das einen auf den drei freistehenden Seiten
umlaufenden Balkon trägt. Vor diesem breitet
sich ein Rasenparterre aus, das von Hecken und
Blumenbeeten geteilt und umrahmt in mehreren
Abstufungen sich den sanft abflachenden Berg
hinaberstreckt. Im übrigen ist der Garten wie
alle gleichzeitigen der Mark in malerischem
Stil angelegt. Akazien, Pappeln, Platanen,
Kastanien und andere Laubbäume fassen einige
Wiesenplätze ein und verlieren sich bergaufwärts
in Eichen- und Kieferngehölze.
Der Grundriß verzichtet auf die strenge ach-
siale Gruppierung des 18. Jahrhunderts. Ein
kurzes Vestibül führt von der linken Seitentüre
der Rückseite in das Treppenhaus, von wo aus
ein Korridor ausgeht. Das ganze Untergeschoß
ist den Gesellschaftsräumen gewidmet, das viel
niedriger gestochene Obergeschoß den Schlaf-
und Wohnzimmern, namentlich für Gefolge und
Gäste. Das große Gewicht, das noch auf anmutige
Erscheinung, eine gewisse festliche Repräsentation
gelegt ist, deutet darauf hin, wie sehr in
dieser Epoche selbst in dem behaglichen Sommersitz
auf die höfischen Gewohnheiten des
18. Jahrhunderts gehalten wurde. Unter den
Zimmern des Untergeschosses heben sich vier
größere Räume heraus: der blaugestrichene Ge-
sellschäftssaal mit einer korinthischen Säulenstellung
, der Gartensaal mit gemalten Blumenstauden
, der Speisesaal mit gemaltem Rosenspalier
und das chinesische Kabinett mit chinesischen
Tapeten. Die Papiertapete bildet in allen
Räumen die Wandbekleidung. Neben einfach
licht getönten Tapeten, die durch Blumenborten
umsäumt oder abgeteilt sind, werden in einigen
Räumen auch ganz gemalte Tapeten verwendet.
Einzelne gehören zu dem Reizvollsten, was die
damals zur Blüte gelangte Berliner Tapetenmalerei
geschaffen hat. Das höchste Entzücken
aller modernen Künstler erwecken die gemalten
Stauden und Blumenbäume in dem Gartensaal.
Das lichte grüne Blatt- und Laubwerk, mit
weißen Blüten durchsetzt, hebt sich von weißem
Grunde ab. Von reinstem Stilgefühl zeugt es, daß
die Gewächse unmittelbar aus dem Boden hervorsprießen
; wie in den reizenden Landschaftszimmern
im gleichzeitigen Schloß in Paretz entsteht
so im Besucher das Gefühl, sich in einem luftigen
Pflanzenhause zu befinden. Mit dem lichten
Ton der Wände geht der weiße Anstrich und die
Versilberung der Möbel zusammen. Der Speisesaal
ist durch das über die Deckenvouten fortgeschlungene
Spalier völlig in eine sommerliche
Rosenlaube verwandelt. In einem Wohnzimmer
des Obergeschosses sind Landschaften in ovalen
Feldern angebracht. Die einfarbigen Tapetengründe
, blau, gelb, himbeerfarben usw., sind von
äußerster Frische. Im allgemeinen macht sich
ein lebhafter ungebrochener Farbensinn geltend.
Auch die leuchtendgelben, rosagetönten, hellgrauen
Putzfarben der Außenflächen deutscher
Gebäude des Klassizismus bekunden ja übrigens
einen kräftigen Farbensinn und kommen in dieser
Hinsicht den Bestrebungen unserer Zeit entgegen
. Leider ist das ursprüngliche Farbenbild der
Wohnzimmer in Freienwalde wie in allen übrigen
verwandten Fällen durch das Verblassen der
Textilien, der Möbelbespannungen und Fenstervorhänge
usw. natürlich nicht mehr in vollständiger
Reinheit erhalten. Die Möbelbezüge und
Gardinen wie die Fußteppiche mußten wegen
gänzlichen Verfalls durch den neuen Besitzer
durchgängig ersetzt werden. Eine Vorstellung
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