Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 42. Band.1920
Seite: 234
(PDF, 108 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_42_1920/0268
Hoftapezierer weiland Kaiser
Wilhelms I. hat in den
siebziger Jahren des verflossenen
Jahrhunderts, die
unschätzbaren Original-
Denkmale der ersten Berliner
Gobelin - Manufaktur
aus der Zeit des Großen
Kurfürsten, die meisterlichen
Schöpfungen des Hugenotten
und kurfürstlichen
Hofwebers Pierre Mer-
cier, diese aufs reichste mit
Silber durchwirkten Gobelins
mit Darstellungen der
Taten des Großen Kurfürsten
, zusammengebündelt
mit ins Manöver geschleppt
und daraus, nach Belieben
und Gutdünken, Zeltbedeckungen
hergestellt! Dazu
hat er dann noch, rücksichtslos
dort, wo in diesen
Zelten eine Eingangöffnung
gebraucht wurde, ganze
Stücke, die oft mehrere Meter
im Geviert maßen und
zum Teil besonders wichtige
Figurenstücke der Darstellung
enthielten, einfach
herausgeschnitten
und das Herausgeschnittene
, ohne Umstände, als
wertlos —weggeworfen!
— Und das sind dieselben
Teppiche, die sein Enkel
dann in den neunziger
Jahren, für einen ganz
gewaltigen Betrag wieder
ergänzen und ausbessern
ließ, und die
jetzt im Schloß zu Berlin
eine seiner hervorragendsten
Sehenswürdigkeiten
bilden.

Heute ist es um
das Gobelin-Verständnis
besser bestellt. Die Aufklärung
der Kunstzeitschriften
und der allgemein
gewordene Sammeleifer
haben das ihre
dazu beigetragen, daß
der Gobelinwert seinen
gebührenden Kurs erreicht
hat, und noch im
Steigenbegriffenist. Fast
will es scheinen, daß jene

M. JESS ta ANHÄNGER. SILBER U. GOLD
MIT AMETHYSTEN U. HALBEN PERLEN

MARGA JESS □ GOLDENER ANHÄNGER MIT
TUR MALIN EN UND OPALEN

recht behalten sollen, die
die Meinung vertreten, der
Gobelin sei selbst in seinen
teuersten Stücken heute immer
noch die billigste aller
Antiquitäten und der Handelswert
dieses Erzeugnisses
der Kunst und des
Handwerks werde in einiger
Zeit um das Doppelte
und Dreifache steigen.

Betrachten wir einmal
die Herstellungspreise der
billigsten und der teuersten
Gobelins, besser „Tapisserien
" genannt.

Der billigste Gobelin, die
„Verdüre", und zwar die
nicht staffierte „Baumtapete
", wurde bis kurz vor
Beginn des Krieges mit
etwa 4000 Mark gehandelt.
Das macht bei einer Durchschnittsgröße
von z. B.
3 x 4 = 12 Geviertmeter,
einen Meterpreis von ungefähr
350 Mark aus, inbegriffen
den künstlerischen
Entwurf (den Karton) und
das Material, die Wollen
und Seiden.

Aber: unter 600 bis
800 Mark nach damaligem
Geldwert, das Geviertmeter
, gleich 7200
bis 9600 Mark war das
Stück damals, und zwar
lediglich als Wirkware
gar nicht herzustellen,
wobei dann also noch
der Preis des Kartons mit
wenigstens 1000 Mark
und zwar bei mehrmaliger
Wiederholung des
Wandteppichs dazu kam.
Es handelt sich also bei
dieser Aufstellung lediglich
um die damaligen
Herstellungskosten. So
kommt es also, daß
der heutige Marktpreis
für solche alte Verdüre
knapp ein Fünftel der
Herstellungskosten ausmacht
! Von einer Bewertung
als Altertumstück
, wenn ich mich
so ausdrücken darf, und

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