Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 42. Band.1920
Seite: 253
(PDF, 108 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_42_1920/0289
ARCH. O. PRUTSCHER STUHL
Ausführung: P. Barbasch, Wien

Im Anschluß an diese Bemerkungen
warnt der französische Autor davor, die
Mode übermäßig durch gelernte Ästhetik
zu komplizieren. Allzuviel Spintisieren
über Nuancen, Übereinstimmung mit Möbeln
u. dgl. würde seiner Ansicht nach
den gesunden Instinkt der geschmackvollen
Frau abschwächen. Diese Befürchtung
halte ich nicht einmal für so recht
begründet. Wenn eine Frau bei der Wahl
etwa eines Haus- oder Teekleides an den
vorherrschenden Ton ihrer eigenen Wohnräume
denkt, kann das nur gut sein. Und
für jede Wohnung, in die sie als Gäste
kommen, ein anderes Gewand bereitzuhalten
, das können sich ja ohnedies nur
Märchenprinzessinnen erlauben. Die dürfen
es am Ende auch. Der nun anschließende
Appell richtet sich gegen die hyperindividuellen
Tendenzen, die also offenbar
doch auch die Pariser Mode beunruhigen.
„Die Malerei", sagt Clouzot hierüber,
„strebt nach dem Einzelwerk. Die Modekunst
besteht nur durch ein Zusammenstreben
mehrerer in dem gleichen Sinne.
Was ihre Universalität und Allmacht ausmacht
, das ist — mögen es unsere großen Schneider
verzeihen — das Auslöschen besonderer
Kennzeichen, die kluge und billige Adaptierung
der großen Toilette durch eine kleine Schneiderin
— eine Bürgersfrau, die ihre Kleider selbst zuschneidet
— ein Ladenmädel. Die ganze soziale
Stufenleiter durchmißt die neue Linie in einigen
Monaten, ja Wochen. Sodann macht sie
ihren Weg über Grenzen und Meere hinüber."
Die ästhetische Erwägung erhält also ein wirtschaftliches
Fundament. Der Franzose weiß aber
auch seine Ansicht sehr hübsch psychologisch
zu begründen, aus dem Wesen der Frau heraus,
die schließlich und endlich doch die Kleider
tragen will und soll. „Ich glaube nicht, daß
die Frau für ihren Gebrauch das Unikum, das,
was sie an keiner anderen sieht, so gern hat.
Sie wählt das, ,was man trägt', viel lieber als
das, was sonst niemand trägt, und das Kleid
als Kunstgegenstand scheint mir nicht mehr
Aussicht auf Erfolg zu haben, als der künstlerische
* Schmuck." Er weist dabei vor allem auf
die eigenartigen Juwelenarbeiten von Lalique
hin, die, wie er meint, in den Schaufenstern
verkümmern. Das mag ja wohl für Frankreich
zutreffen, für analoge deutsche Verhältnisse
trifft es nicht zu, und — möchte ich im übrigen

ARCH. O. PRUTSCHER ARMSTUHL

Ausführung: P. Barbasch, Wien

Dekorative Kunst. XXIII. 9. Juni 1920

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