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Spielerei. Es genügt
eben nicht, einfach herzugehen
und eine in
Lebensgröße empfundene
und erdachte Figur
auf ein Zwanzigstel
ihres Maßes zu
bringen. Eine verkleinerte
Monumentalität
ist eben keine mehr,
sondern besten Falles
ein Modell. Damit eine
Kleinplastik starke
Wirkung ausstrahlt, ist
es nötig, daß sie — wie
jedes Kunstwerk ■—
unmittelbar den Gesichten
, den Visionen
des Künstlers entsprungen
ist, daß er
sie mit seinem seelischen
Auge sogeschaut
hat, wie sie schließlich
vollendet dasteht. Diese
Begabung scheint
selten zu sein, denn
auch in den Kunstausstellungen
, zu denen
der Massenproduktion
erfreulicherweise der
Zutritt verwehrt war,
sah man nicht allzuviel
Kleinplastik von
Bedeutung.
Völlig und von
vorneherein auf diese
Kunst, als den lebendigsten
Ausdruck ihrer
Phantasie, eingestellt,
ist Elisabeth Goetz-
Gleistein, deren Arbeiten
wohl einem kleinen
Kreis von Kunstfreunden
bekannt sind, hier
aber zum ersten Male
veröffentlicht werden.
Sie lernte in München bei Maximilian Dasio,
bei Aczbe, hauptsächlich aber bei Weisgerber,
dem sie wohl am meisten zu verdanken hat.
Später arbeitete sie in Berlin bei Leo von König,
sowie bei Lewin-Funke und schließlich bei
Schmid-Reutte in Karlsruhe. Ihr hauptsächlichstes
Studiengebiet war die zeichnerische Ausbildung
, aber bald trat ihr Talent für das Modellieren
hervor und wies sie ihre eigenen
Bahnen. In Paris, in Brügge, in Holland, England
und Italien vertiefte sie ihre Kenntnisse
von alter Kunst, um endlich nach Berlin zurück-
E.GOETZ-GLEISTEIN-BERLINa PORZELLANFIGUR
zukehren, wo sie heute
tätig ist.
In ihren Arbeiten
trat bald ein eigener
Stil zutage. Gewiß kann
man von einem stark
barocken Empfinden
bei ihrenPlastiken sprechen
, so gut wie eine
entfernte Verwandtschaft
mit Beardsley
gelegentlich festzustellen
ist. Von einer künstlerischen
Abhängigkeit
kann aber niemals die
Rede sein. Sie hat ihren
eigenen Stil gefunden,
und es gibt kein Kunstwerk
von ihrer Hand,
das nicht ihre besondere
Linie trüge. Sie
scheint zeitlos, und so
ist es möglich, daß eine
„Verkündigung" von
ihr an Rembrandt-
sche Radierungen, eine
„Madonna mit dem
Kinde" an Correggio,
eine andere„Madonna"
an Altdorfer und ein
„Antichrist" an Goya
gemahnen.
Sie scheint zeitlos,
und es ist im Grunde
genommen nur das
Programmlose in ihrer
Kunst, das so verschiedenartige
Eindrücke
vermittelt. Aber auch
dies ist keineZufallser-
scheinung. Sie ist vielmehr
darauf zurückzuführen
, daß ihre Arbeiten
ungemein starkem
intuitivem Erleben
entspringen. Diese
kleinen Gestalten haben die Künstlerin — ehe
sie zu fertigen Werken wurden — lange und
beständig umgeben, haben ihre Gedankenwelt
völlig erfüllt, bis sie auf einmal — zur Materie
geworden — dastanden. Die Kleinplastiken der
Elisabeth Goetz-Gleistein sind vollendete Ausformungen
einer reichen Künstlerphantasie. So
hat sie das Schmetterlinghafte des knienden
„Engels" lange umgaukelt, bis es zum Kunstwerk
wurde. Diese Darstellung eines Engels
weicht weit von allen anderen ab, die wir kennen
. Schalkhaft blickt er auf seine flache, zum
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