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SchließenbereiteRech-
te, die gewärtig ist des
Lohnes von oben für
so vieL Tugend. Aber
nur lässig wehrt die
Linke den Verlockungen
aus der Tiefe. Noch
wartet der Engel —
aber schon beginnt er
die abweisende Hand
langsam an sich zu
ziehen. Es ist ein Doppelspiel
, das dieser Engel
treibt, und er muß
Ahnen haben in beiden
Heerlagern. Welch
moderne Fassung eines
alten Mythos!
Mehr den gewohnten
Darstellungen von
Himmelsboten dürfte
der „Stehende Engel"
entsprechen. Er strahlt
die große Milde, die
Güte, die Hoheit und
zugleich die Lieblichkeit
seines überirdischen
Berufes aus. Anders
als der „Kniende
Engel" ziert ihn ein
Flügelpaar, das sich an
die allgemeine Tradition
anschließt. Es erscheint
nicht—wie bei
dem anderen — als ein
phantastisches Instrument
des Himmels, als
ein Rätsel aus einer anderen
Welt, nein: dieser
Engel und seine
Fittiche dünken uns
durchaus organisch gewachsen
, und er scheint
jederzeit bereit, seinen
Flug in lichte Höhen
zu beginnen. Auch den
wahrhaft naiven Zug
früher mittelalterlicher
Kirchenkunst vermissen wir hier nicht. Zeitlos,
unendlich gütig und heiter, rein, ja völlig geschlechtslos
breitet dieser Bote aus einem besseren
Jenseits segnend seine Kinderhände aus.
Die an einer Säule ruhende „Tänzerin" zeigt
vor allem, wie sehr es die Künstlerin versteht,
eine Figur durch und durch zu beleben. Von
welcher Seite aus man die Gestalt auch betrachtet,
nirgends bietet sie einen langweiligen Moment.
Dieser Akt ist trotz seiner kleinen Ausmaße
E. GOETZ-GLEISTEIN-BERLIN b FLÖTENSPIELER
völlig durchgebildet.
Sinnfällig beweist er
durch seine starke Wirkung
, die durch kein
lebensgroßes Bildwerk
übertroffen werden
kann, ein tiefes Verständnis
für das Wesen
der Kleinplastik.
Die kleine „Porzellan
-Figur" ist eine der
frühesten Arbeiten der
Künstlerin. Sie hat sich
schon auf der Werkbund
- Ausstellung in
Köln allgemeiner Beliebtheit
erfreut und
sie ist ein typisches
Beispiel dafür, wie auch
heute noch für die
Massenfabrikation etwas
durchaus Künstlerisches
geschaffen werden
kann, ja wie mit
großem Erfolg etwas
Niedliches, Lustiges,
Reizendes sich durchzusetzen
vermag, ohne
— wie es leider so
häufig ohne Not geschieht
— auch nur das
geringste Zugeständnis
an kitschige Süßlichkeit
machen zu
müssen. Es muß nur
„gekonnt" sein, das ist
der springende Punkt.
Das kleine Porzellan-
Figürchen wird gewiß
immer wieder den Beifall
weitester Kreise
und damit ein Stück bester
keramischer Kleinkunst
immer größere
Verbreitung finden, das
in Material, Stil und
Technik keinen Vergleich
zu scheuen
braucht. Denn diese hübsche Kleinplastik ist
durch und durch in Porzellan empfunden und
erdacht. An ihren flächigen Teilen zeigt sie den
hohen Reiz der Glasur, und der lustige Zickzack
der ornamental behandelten Kleidung erinnert
an den munteren Zierat aus der Blütezeit
der Porzellankunst, an Werke aus dem
Rokoko.
Hingegeben an die Lust und doch verhalten
durch eine starke Geistigkeit, so scheint uns
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