http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_42_1920/0298
Durch den Mangel, die Teuerung edlen Materials
ist es heute fast nur mehr den „ungeistigen
" Köpfen möglich, ihre Züge in Marmor
oder Bronze der Nachwelt zu erhalten. Es wäre
also kein sonderliches Geschlecht, das spätere
Generationen in Kunstsammlungen dereinst zu
betrachten fänden.
Die Künstlerin hat nun auf das früher sehr
beliebte Wachsrelief zurückgegriffen, das es auch
heute noch den geistigen Köpfen gestattet, sich
porträtieren zu lassen. Auch das Kinderbildnis
liegt sehr innerhalb der Grenzen dieser Technik.
— Erinnert sei hier übrigens daran, daß Franz
Liszt derartige (allerdings gegossene) Wachsporträts
an seine Freunde zu verschenken pflegte.
Als typisch für diese Kunst und hinsichtlich Ähnlichkeit
besonders gelungen sei hier das Bildnis des
Gatten der Künstlerin, des Dichters Wolfgang
Goetz wiedergegeben. An kein Programm gebunden
, nur ihrem sicheren kunstgewerblichen
Geschmack folgend, hat die Künstlerin jene altmodischen
Umrahmungen übernommen, wie sie
von den dreißiger bis in die fünfziger Jahre
hinein des vorigen Jahrhunderts üblich waren:
Tiefe Hohlrahmen mit einfachen, aufgeklebten
Goldpapierstreifen. So entsteht etwas ganz Modernes
in altmodischer Fassung.
Elisabeth Goetz-Gleistein wird in diesem Frühjahre
in Berlin bei Axel Juncker am Kurfürstendamm
die erste Ausstellung ihres gesamten bisherigen
Schaffens haben.
Ohne Zweifel werden sie drei Dinge zu Anerkennung
und Erfolg führen:
Der Zug zum Monumentalen trotz kleinster
Ausmaße. Ihr gediegenes Können, das ihren
Arbeiten den Stempel selbstverständlicher Leichtigkeit
aufdrückt. Und die reife, in sich geschlossene
, eigene Welt ihres Künstlertums.
Walther Haas
E. GOETZ-GLEISTEIN BILDNIS DES DICHTERS WOLFGANG
GOETZ (WACHSRELIEF) □
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