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ten Handwerksarbeit absteckt, immer ist das
Wesentliche und für die Beziehungen zwischen
Schaffendem und Werkstoff Entscheidende
am Ziel der organisatorischen Betrachtung
zu finden. So haben wir das Glück, das
Kunstgewerbe, vor zwanzig Jahren das dunkle
Land der unbegrenzten Möglichkeiten, heute
als sicheren Boden unter unseren Füßen zu
spüren. Die Erzeugnisse edlen Kunsthandwerks
sind uns weit vertrauter als die Bilder, auf
denen ein Chaos schwerblütiger Sentimente
sich um die Achse einer schattenhaften Individualität
dreht, als die Skulpturen, in denen
der Mensch, das Ebenbild Gottes, sich aus den
Gesetzen seines organischen Seins gerissen sieht.
Das macht unsere innere Verwandtschaft mit
dem Werkstoff, Lindenholz und Ton, Silber
oder Seidenfaser, und die Summe der Überlieferungsgedanken
, die aus dem Reichtum unserer
alten Meister quillt. Keine Ästhetik
konnte diese Quellen verschütten, und keine
Knechtung politischer Einheiten wird uns diese
Kraft des seelischen Besitzes zertrümmern.
Wir haben eine Gruppe von Werken eines
Goldschmieds vor uns, der seit annähernd zwei
Jahrzehnten in Dresden lebt und heute dort unter
den Meistern seines Faches eine führende Stellung
einnimmt. Hermann Ehrenlechners Arbeiten
sind wir seit den Dresdner Tagen der unvergeßlichen
3. Deutschen Kunstgewerbeausstellung
oft begegnet. Man wird sich des großen Tafelaufsatzes
erinnern, den er nach dem Entwurf von
Karl Groß für das Dresdner Rathaus arbeitete,
jenes märchenhaften Baumes, in dessen Blütenkelchen
Gestalten und Gruppen aus Elfenbein
ans Tageslicht traten. Der aus Steiermark gebürtige
Münchner hat niemals planmäßigen Unterricht
an einer Kunstgewerbeschule genossen.
Von früh an im Handwerk stehend, in Pforzheim
, München, Berlin bei tüchtigen Meistern
geschult, hat er aus eigner Kraft den Anschluß
an die künstlerische Spannung unserer Zeit gefunden
. Von Sohn und Tochter unterstützt,
heute sogar unabhängig von jedem bezahlten
Gesellen, sitzt er in seiner Werkstatt, und der
Lärm des Tages läßt ihn kaum den Kopf von
seinem Tisch, seinem Schmelzofen heben. Die
schillernden Schmuckstücke, die er aus Perlen,
Steinen und Email ersinnt, sind nicht von
jener spielerischen Phantastik, wie sie sich im
Gegensatz zu der Sachlichkeit des weiblichen
Kostüms, der oft geforderten und nie ganz er-
H. EHRENLECHNER
KLEINE DOSE UND BECHER. SILBER VERGOLDET, TEILWEISE
MIT EMAIL UND FARBIGEN STEINEN BESETZT
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