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H. EHRENLECHNER-DRESDEN
SILBERNE FRUCHTSCHALE
reichten, unter den Händen gewisser süddeutscher
Meister Daseinsberechtigung errungen hat.
Seine Arbeiten haben einen gotischen Grundzug
, nicht so in der unmittelbaren Abhängigkeit
von der formalen Stilistik des 14. und 15.
Jahrhunderts, als in der Besonderheit ihres Ausdrucks
, in der beweglichen und doch tektoni-
schen Energie ihres Wuchses, in der herben
Frische ihrer Profile, in der Naturalistik gewisser
Einzelbildungen. — Da ist der schöne Becher
in ganz vergoldetem Silber: die runde Schale
des Fußes ruht auf vier behaglich schmunzelnden
Kröten, in dem dichten Gerank, das die
Kuppa trägt, blühen rohe, von metallischen
Adern durchzogene Türkisen zwischen breitfließendem
Blattwerk, während den Deckel dasselbe
Motiv, gleich wundersamen Distelblüten,
im krausen Gewirr silberner Fäden und Bänder,
im Fünfblatt um den Perlengrund erweitert,
zu einem schweren Strauß steigert. Auf dem
fialenartigen Sockel aber, der aus diesem Gebilde
emporwächst, steht ein entzückender kleiner
Reiher zum Fluge bereit, Feder um Feder
aus schwärzlich oxydiertem Silber geschnitten,
in der beweglichen Energie seines Umrisses ein
vollendeter Abschluß dieses kleinen Meisterwerkes
. Ein anderes Stück, die Schale auf dem
Sockel der sechs Masken ist noch nicht die letzte
Lösung dieses Entwurfes; die Schwere der kurzen
Pfeiler verlangt eine weiter ausladende Form.
Wie hier der Künstler aus den verschiedensten
Drehungen und Verschlingungen des Drahtes
und Silberbandes an jedem dieser grotesken
Köpfe neu die Temperamente ausdeutet, das ist
ein Schulbeispiel der Ausnützung des inneren
Gesetzes, das in jedem Werkstoff ruht. Bei dem
großen Pokal, der straff und fest aus dem geschwungenen
Rippenstamm emporstrebt, klingen
Erinnerungen an die Agleibecher der Frührenaissance
an. Die Buckel strahlen in freiwucherndem
Flächenemail, wie die Flügeldecken
tropischer Käfer; darüber beruhigt sich die
Masse, und der Deckel wird zu einem, im kleinen
doch monumental gefühlten Sockel für die
Figur eines nackten Knäbleins, die der Meister
aus dem massiven Block gemeißelt hat. Die
gotische Linie wird in den beiden Bechern noch
deutlicher; wie geistreich sind die Kanten des
achteckigen Fußes an dem links abgebildeten
durch die perlenartige Reihe der Zacken belebt,
wie wohlig schmiegt sich der Spitzbogen rechts
in das Rund des Kelches! Hier wie in den
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