Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 42. Band.1920
Seite: 269
(PDF, 108 MB)
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ARCH. H. JESSEN-BERLIN

SPAR- UND ANLEIHE KASSE LÜBECK: EINGANG

BAUTEN VON HANS JESSEN

Eine der glücklichsten Begabungen unter unseren
modernen Berliner Architekten ist
Hans Jessen, eine der angenehmsten Erscheinungen
. Nicht im landläufigen Sinne genial,
nicht das große Publikum anziehend und verblüffend
, nicht um jeden Preis auffallen wollend
, aber um so mehr erfreuend die kleine Berliner
Gemeinde derer, denen die Augen geöffnet
sind über die großstädtischen Architektursünden
aus den letzten Jahrzehnten. Alle die gewinnt
er für sich, die mit zarterer Seele und
mit immer sich erneuerndem Genuß durch die
Berliner Wilhelmstraße wandern, an den stillen
und doch so beredten Palais aus den Tagen
des viel bespöttelten Friedrich Wilhelms I. und
seines Sohnes, die an den alten Häusern der
Linden sich freuen und den noch schlichteren
und doch achtunggebietenden Bauten des Empires
und Biedermeiers im alten Berliner Westen.
Nicht daß man auf den ersten Blick von einem
Gebäude sagen müßte: das ist Jessen. Eine gewisse
Scheu hält ihn davor zurück, eine eigene
Note stark herauszubilden und sein modernes

Können jedem Laien kenntlich hervorzukehren
— oder vielmehr eine gewisse, wohltuende Diszipliniertheit
des Schaffens, die ihn davor bewahrt
, unnötig — d. h. so lange es sich nicht
um Monumentalbauten handelt, eine ganze
Straßenfront zu zerreißen und sich in Szene
zu setzen.

Wie wohltuend ist diese Zurückhaltung gegenüber
den modernsten, sehr beliebten Architekturgreueln
, da selbst durchgebildete Architekten
sich zu dem unerhörten Unfug verleiten
lassen, Erdgeschosse von hohen Mietshäusern
für sich in sogenanntem modernem Stil umzuändern
und durch auffallenden Farbanstrich die
darin befindlichen „Dielen" und Geschäftsbetriebe
noch besonders kenntlich zu machen.
Doch es wäre absurd, wenn man zwischen
Jessens Werk und diesen modernen Reklameumbauten
überhaupt Parallelen ziehen wollte.
Es bleibt nur erstaunlich, daß das Wirken der
vielen tüchtigen Architekten und der jahrelange
Kampf in Wort und Bild bei dem großen
Publikum so ungehört verhallen konnte.

Dekorative Kunst. XXIII. 10. Juli 1920

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