Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 42. Band.1920
Seite: 282
(PDF, 108 MB)
Startseite des Bandes
Zugehörige Bände
Varia

  (z. B.: IV, 145, xii)



Lizenz: Public Domain Mark 1.0
Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_42_1920/0320
zwischen den beiden oberen Geschossen sowie
dem halbkreisförmigen Fenster darüber. Unbequem
mußte es dem Architekten sein, statt
der einen mittleren (der Fassade gemäßen)
Türe zwei gesonderte Eingänge für die Geschäfts
- und die Privaträume einzufügen. Jessen
half sich, indem er die seitlichen Bauteile risalitartig
herauszog und so eine natürliche Stütze
für die beiden Eingänge erhielt.

Von einer neuen Seite lernen wir Jessen kennen
in der Hoffassade des Bleichröderschen Bankhauses
zu Berlin, Unter den Linden. In besonders
festlichem Kleide zeigt sie sich und zugleich
in einem seit langen Jahrhunderten nicht
häufig verwendeten Material: in leicht farbig
getönter Keramik mit belebend eingestreuten
Medaillons, gut verteilten Ornamenten und
schlichten Relieffiguren aus demselben Material.
Auf das große Publikum mag eine solche Fassade
befremdend wirken, es ist jedoch nur zu
begrüßen, wenn statt der aus der Ferne geholten
edleren Steinarten der glasierte und gefärbte
Ton wieder bevorzugt wird, wenigstens
in unserer engeren norddeutschen Heimat. Auffallend
mag auch zunächst die etwas schwere
und wulstige Ornamentbildung über dem Portal
wirken, anscheinend eine Neubelebung des
Knorpel- und Teigornamentes der Renaissance.
Aber durchaus materialgerecht sind diese in
Ton geformten und gekneteten Ornamente, verständlicher
als die in Holz geschnitzten oder
aus Stein gehauenen Teigornamente des 17. Jahrhunderts
. Von der Inneneinrichtung des Bleichröderschen
Bankhauses sei besonders erwähnt
die Ausbildung der Zahltische ohne trennende
Schalter, wie sie nach Jessen jetzt häufiger

Verwendung finden. Neuartig ist auch die Anwendung
von Rohglasmosaik an Stelle von
Stein- oder harten Tonfliesen in der Bodenfläche
des Publikumraumes; eine Einrichtung,
die sich gut bewährt hat.

Um mehrere Jahre zurück liegt der Bau der
Lübecker Spar- und Anleihekasse. Eigenartig
die Giebelfassade und doch gewinnend diese
organische Verbindung von Muschelkalk und
Backsteinflächen. Gleichsam ineinandergekeilt
erscheinen die von dem Sockelbau emporstrebenden
Vertikalen und die aus dem Giebeldreieck
herabwachsenden breiten Ziegelstreifen.
Nicht ganz überzeugend wirkt dagegen der
Skulpturenschmuck an den Laubenpfeilern. Von
der Inneneinrichtung sei nur der aus Holz gebildete
Kronleuchter des Sitzungszimmers hervorgehoben
. Ganz besonders reich die Verwendung
des Schnurwerks, vergleichbar der
Takelage von Segelschiffen — ein Gleichnis fast
für den ganzen Ort, für die Stadt an der
Waterkant.

Daß Jessen bei aller Spezialisierung nicht
einseitig geworden ist, beweisen seine mannigfaltigen
anderen Werke: Landhäuser in der Berliner
Umgebung und Siedelungsbauten (Berlin-
Lichtenrade), ein Kavalierhaus in der Berliner
Regentenstraße und eine schlichte Dorfkirche
in Pretzien (Altmark). Und dann wiederum
einprägsame Fassaden von großen Geschäftshäusern
, wie z. B. die in schwärzlichem Ton
sich darbietenden Fronten des Wolffschen Telegraphenbureaus
zu Berlin. Überall die gleiche
Zurückhaltung und doch wiederum freimütige
Energie, sobald es gilt, zweckmäßige Neuerungen
zu verfechten. Dr. H. Straube

282


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_42_1920/0320