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LUDWIG GIESS-BERLIN a NOTGELD FÜR DEN KREIS BÜDINGEN IN OBERHESSEN
EIN FORTSCHRITT IN DER VERBESSERUNG
UNSERER MÜNZEN
Bei dem großen Tiefstand des künstlerischen
Wertes unserer Reichsmünzen, für den trotz
mancher Wettbewerbe und Bemühungen von
verschiedenen Seiten eine Abhilfe nicht zu erreichen
war, fallen zwei Münzwerte zu 10 und
50 Pfennig sehr vorteilhaft auf, welche der Kreis
Büdingen in Oberhessen kürzlich als Notgeld
ausgegeben hat. Diese Münzen, welche in ihren
Darstellungen auf den Beruf des Ackerbauers
Bezug nehmen, dem die Bevölkerung des Kreises
Büdingen obliegt, und die man in mancher
Hinsicht als vorbildlich für unsere künftige
Münzgestaltung bezeichnen möchte, stammen
von dem Münchner Medaillenkünstler und Bildhauer
Ludwig Gieß, der vor etwa Jahresfrist als
Lehrer nach Berlin berufen wurde; die Ausführung
der Münzen, die sich besonders vorteilhaft
in der schwärzlichen Färbung von oxydiertem
Eisen zeigen, erfolgte durch die Münzprägeanstalt
Heinrich Arid in Nürnberg.
Das Notgeld der Stadt Mannheim, in Prägungen
zu 5, zu 10 und zu 25 Pfennig, ist in
tieferem Sinn Notgeld. Erst auf das Ultimatum
einer städtischen Betriebsstelle hin wurde von den
zuständigen Instanzen
nach langen
Erwägungen
zur Tat übergegangen
. So mußte
rasch der Auftrag
zum Entwurf gegeben
werden. Dieser
Schnelligkeit
verdanken wir
wahrscheinlich die
durchaus im praktischen
Sinne gehaltene
, aber doch
auch künstlerisch
und münztechnisch anständige Lösung der Notgeldgestaltung
. Maßgebend war Klarheit und
Zweckdienlichkeit der Prägung, auch beim Rollen
. Die Ziffern der Vorderseite sind trotz aller
Flachheit leicht unterscheidbar durch Größe
und Form. Die Einheitlichkeit der Ausgabestelle
wird durch das älteste Wappenzeichen
Mannheims, die Wolfsangel, hergestellt, die bei
dem Fünfer auf einem Warenballen liegt, hinter
dem einige Wasserpflanzenblätter sichtbar
sind, um die Schiffahrt anzudeuten. Beim Zehner
ist die Wolfsangel, die sich aus einigen dekorativen
Blattlinien erhebt, alleiniges Zugehörigkeitszeichen
. Beim Fünfundzwanziger hält eine
Figur (Mannhemia) die Wolfsangel in der Hand.
Der Wert jedes Stückes kann sonach auf Vorder
- und Rückseite auch schon durch das Tastgefühl
unzweifelhaft festgestellt werden. Stadt,
Wappen und Haupttätigkeit Mannheims sind
entsprechend und schlicht zum Ausdruck gekommen
. Der nüchterne Zweckmäßigkeitssinn,
wie er in der Handels- und Industriestadt
Mannheim bestimmend ist, hat also eine ihren
Bedürfnissen entsprechende zweckgerechte Lösung
in der Prägung
herbeigeführt
. Die Münzen
wurden in ihrer
einfachen Sprache
von Herrn. Esch
entworfen und von
dem Medailleur
der Prägeanstalt
Lauer in Nürnberg
modelliert. Die
Prägungen zeigen
über dem Eisenkern
einen grauen
Nickelglanz. B.
HERM. ESCH-NÜRNBERG □ NOTGELD FÜR MANNHEIM
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