http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_42_1920/0324
Neben dem Formen aus
der zähflüssigen Blase
ist wohl die vornehmste
und dem durchsichtigen
, klaren Material
am meisten Rechnung
tragende Technik das
Schneiden mit dem
Rad. Im Verlaufe von
zwei Jahrtausenden
kennen wir drei Perioden
, in denen man diese
Technik auf das Glas
angewendet hat, und
jedesmal wurde sie von
den edleren, natürlichen
Materialien der
Edelsteine und des Kristalls
auf das schlichtere
, künstliche Material
des Glases übertragen
. Das Altertum,
das Mittelalter und die
Neuzeit haben sich daran
geübt und Dinge
hervorgebracht, die zu
dem Köstlichsten gehören
, was uns das
Kunstgewerbe dieser
Zeiten beschert hat
Von größter Vollkommenheit
sind die
Werke des Glasschnittes, mit denen uns die Antike
überrascht. Tiefschnitt und Hochschnitt hat
sie mit gleicher Virtuosität gehandhabt; wahre
Wunderwerke, bis heute unübertroffen, hat sie
besonders in der Technik des Hoch- oder Reliefschnitts
geschaffen, bei der die Ornamente
nicht vertieft in der Fläche liegen, sondern erhaben
, in positivem Relief, über der rings abgearbeiteten
Fläche stehen. Die fabelhaftesten
Leistungen dieser Art sind die jedenfalls im
Rheinland entstandenen Netzgläser des dritten
und vierten nachchristlichen Jahrhunderts (Abb.
S. 285). Wie bei diesen, Diatreta genannten Bechern
das frei durchbrochene, nur durch dünnste
Stege mit dem Körper zusammenhängende Netzwerk
aus der dicken vollen Gefäßwandung herausgeschnitten
worden ist, das zeigt die technische
Leistungsfähigkeit dieser alten Glasschneidekünstler
auf einer nicht wieder erreichten Höhe.
Bereits in der frühen Kaiserzeit entstanden
in alexandrinischen Werkstätten die köstlichen
Überfanggläser, als deren vollkommenstes Stück
wir die berühmte Portlandvase des Britischen Museums
bewundern. Wie da aus der opak-weißen
Überfangschicht die figürlichen Reliefs herausgearbeitet
sind, wie das Durchschimmern des
POKAL VON ELIAS ROSBACH □ BERLIN UM 1740
tief dunkelblauen Grundes
zur Modellierung
ausgenutzt worden ist,
das zeugt von einem
verblüffenden Raffinement
des sicherlich an
Onyxgemmen vorgebildeten
Glasschneiders.
Lange Zeit ruhte
dann unsere Kunst
vollkommen, bis sie —
abgesehen von einem
kurzen Zwischenspiel
in Byzanz — wieder in
Ägypten in voller Blüte
zutage trat. Und wieder
läßt sich hier der
Kristallschnitt als Vorläufer
nachweisen. Abgesehen
von sehr kleinen
und wenig kunstvoll
geschnittenen Par-
fümfläschchen ist die
Zahl der erhaltenen
Arbeiten nicht groß.
Rund ein Dutzend Gläser
der Fatimidenzeit
(10.—12. Jahrhundert)
sind uns bekannt geworden
, und zwar fast
durchweg in oder aus
europäischen Kirchenschätzen
. Es sind die sog. Hedwigsgläser,
schlichte, dicke, leicht konische Glasbecher mit
tiefgeschnittenem Dekor von Ornamenten oder
Tieren, jedenfalls sämtlich von Kreuzfahrern
als Reliquienbehälter aus dem Morgenland mit
heimgebracht. Eins der schönsten, das sich —
in reicher Silberfassung — einst im Schatz der
Wittenberger Schloßkirche befand, dann im Besitz
Luthers war und heute eine Kostbarkeit
der bedeutenden Glassammlung der Feste Ko-
burg bildet, zeigt die Abb. S. 285.
Von jener Zeit ab schaltet der Orient auf
dem Gebiet des Glasschnittes gänzlich aus. Als
aber zum dritten Male der Glasschnitt seine
Auferstehung feierte, diesmal ums Jahr 1600 und
in Deutschland, oder genauer in Prag, da war
es wiederum der Kristall- und Steinschnitt, der
die Anregung dazu gab. Im 16. Jahrhundert
hatten sich besonders italienische Künstler mit
dem Schneiden des Bergkristalls viel beschäftigt
, die Schatzkammern in Wien und im Prado,
der Louvre und andere Sammlungen legen beredtes
Zeugnis davon ab; der kunstliebende
Kaiser Rudolf II. berief mehrere italienische und
deutsche Edelsteinschneider an seinen Hof in
Prag, und einer der letzteren, Caspar Lehmann,
286
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_42_1920/0324