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besonders in Potsdam,
wo die brandenburgisch-
preußischen Herrscher
sich die Pflege des kunstvoll
geschnittenen Glases
sehr angelegen sein
ließen. Unsere Abbildungen
S.288 —2go geben einige
hervorragende Proben
dieser Potsdam-Berliner
Werkstätten*), sowie
einen glänzenden
Hochschnittpokal des in
Berlin geschulten Kasseler
Glasschneiders Gun-
delach.
Das klare, edle Material
des Glases lag neben
der delikaten Masse des
Porzellans dem ästhetischen
Empfinden des
t8. Jahrhunderts besonders
stark. Wir verdanken
dieser Zeit in technischer
und künstlerischer
Hinsicht Meisterwerke
des Schnittdekors
und auch die klassischen
Gläserformen hat uns
das Zeitalter des Barock-
und Rokokostiles beschert
. Generationen haben
an der Weiterbildung
dieser Kunst gearbeitet
, hier und da tauchen
wahrhafte Künstler
unter der meist anonymen
Menge der Durchschnittsmeister
auf, und
erst das Ende des Jahrhunderts
bringt — mit
verändertem Geschmack
— ein Abflauen der
Kunst. Der Brillantschliff
verdrängt den
Schnitt, aber die Empire- und besonders die
Biedermeierzeit wendet wieder besonders dem
figürlichen Glasschnitt reges Interesse zu.
Meist war es der technisch einfachere Tiefschnitt
, der von den Glaskünstlern angewendet
wurde, wobei in den meisten Fällen die vom
Rad flach ausgeschabten Stellen matt gelassen
wurden und sich so von dem farblos-durchsichtigen
, glänzenden Grund des Glaskörpers
*) Ausführlich behandelt in des Verfassers
Monographie „Brandenburgische Gläser". Mit 40
Lichtdrucktafeln (Berlin 1914), denen auch diese
Abbildungen entnommen sind.
pokal von elias rosbach □ berlin um 1740
wirkungsvoll abhoben.
So z.B. auf dem kräftigen
, um 1715 entstandenen
Deckelpokal mit der
minutiös geschnittenen
Treibjagd (Abb. S.287),
sowie auf den beiden,
von Elias Rosbach in
Berlin um 1740 gearbeiteten
Gläsern der Abb.
S. 286 und 288, bei denen
zierliche girlandentragende
Amoretten und
Fruchtgehänge mit Tieren
sich um die gebauchten
Kelche schlingen.
Das umgekehrte Verfahren
zeigt der wuchtige
, 43 cm hohe Deckelpokal
(Abb. S.287), der,
in Potsdam um 1715 geschnitten
, auf mattiertem
Grunde schwungvolle
große Barockranken
aufweist. Die etwas
schematischen Spitzblattfriese
an den Knäufen
des Deckels und des
Schaftes zeigen die übliche
Potsdamer Verzierungsart
dieser Zeit;
sehr viel lebendiger ist
dies Motiv verwendet
worden von dem hervorragendsten
Berliner
Glasschneider Gottfried
Spiller, von dessen Hand
die köstlichen Deckelbecher
(Abb. S. 289) stammen
, in deren dickeWan-
dungen mit höchster
Bravour und sicherem
künstlerischem Gefühl
bacchische Darstellungen
eingeschnitten sind,
und zwar bis zu einer Tiefe von 5 mm. Wenn man
bedenkt, daß der Glasschneider eigentlich mehr
mit dem Gefühl der Hände, die das Glas an das
rotierende Rad andrücken, als mit dem Auge
arbeitet, da der Schmirgel stets die zu bearbeitende
Stelle bedeckt, daß ferner ein Fehlschnitt
nicht mehr zu verbessern ist, und daß
eine Vorzeichnung nur in groben Umrissen gegeben
werden kann, so wird man die handwerklich
und künstlerisch gleich hohe Vollendung
eines solchen Stückes voll würdigen.
Seltener waren die Meister, die den ungleich
schwierigeren Hochschnitt beherrschten. Der
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