http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_42_1920/0337
ZU DEN NEUEN ARBEITEN VON PETER BIRKENHOLZ
Vor etwa zwanzig Jahren, als der „Jugendstil
'' in seiner Sünden Maienblüte stand,
klagte Wilhelm Bode darüber, daß die Baukunst,
ganz ins Schlepptau des „Kunstgewerbes" genommen
, zu einer „malerischen Tapezierkunst"
auszuarten drohe. Der neue Stil, sagte er, sei
von jungen Malern propagiert, Verächtern der
Tradition, die ihren besonderen „Privatstil" aufzurichten
bestrebt seien, unbeschwert durch tiefere
Bildung, wenig bewandert in verfeinerten
Lebensgewohnheiten.
Heute liegen die Dinge in den von Bode
berührten Komplexen gerade umgekehrt. Im
„Kunstgewerbe" (wenigstens auf dessen zentralem
Gebiet: der Möbelkunst) herrschen Architekten
— Künstler also, deren Fachstudien zunächst
dem Hochbau gewidmet waren. Männer,
die gewiß nicht „ihren architektonischen und
dekorativen Sinn in den Bierstuben und Cafes
ausgebildet haben", die vielmehr in ihrem Gefühl
für physische Kultur ihren Auftraggebern
meist durchaus nicht nachstehen, auch in geistigen
Dingen tapfer Schritt halten.
Die Stellung dieser Richtunggebenden zur
Tradition ist der vor zwanzig Jahren beobachteten
ebenfalls konträr: sind auch schon wieder
neue Bilderstürmer am Werk, so wird man selbst
die Strebungen der radikalen Berliner und Wiener
Neuerer noch viel inniger mit der Tradition
verwachsen finden, als die Schöpfungen des
„Jugendstils" es gewesen sind.
. Dagegen haben beide Zeitepochen das eine
gemeinsam: daß die Architektur mit dem „Kunstgewerbe
", zumindest der auf die Konzeption
ARCH. P. BIRKENHOLZ SCHREIBKOMMODE AUS NEBENSTEHEND
WIEDERGEGEBENEM DAMENZIMMER □
Dekorative Kunst. XXIII. n. August 1920 2Qy 41
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