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her Kommenden aufnehmen kann. Wir glauben
gewiß nicht, daß man studierter Architekt
sein müsse, um ein gutes Möbel zu schaffen.
Aber wir möchten behaupten, daß Architekten
wie Birkenholz und die anderen als „Traditionalisten
" Angefeindeten, die ihre Formgedanken
durch das Studium der materialfreudigen, zweckbewußten
Tradition stetig zu läutern und zu klären
Gelegenheit haben — durch ihre Betätigung
im „Kunstgewerbe" das Niveau unserer dekorativen
Kunst nur günstig beeinflussen können.
Es sei uns verstattet, diese Ansicht mit besonderem
Bezug auf Birkenholz' neue Arbeiten
noch ein wenig näher zu begründen!
Vor allem ist es ja kaum zu leugnen, daß die
Beschäftigung mit Problemen des Außenbaues
die Phantasie an und für sich zu bewegterem Spiel
anregt. Auch die Bedeutung des statischen Gefühls
ist nicht zu unterschätzen. Selbstverständlich
kann auch einem begabten Handwerker
diese Fähigkeit zu eigen sein — dennoch wird
man so feine Abstufungen wie die von Birkenholz
getroffene Auswahl kantig-fester oder zierlich
-kannelierter Möbelfüße für den gleichen
Fauteuiltyp je nach der mehr lastenden oder
durch eine aufwärts strebende Volute gelockerte
Form der Seitenlehnen (vgl. die Abb. auf S. 299
mit den Möbeln des Musiksalons im Dezemberheft
) meist doch nur als in den Gewohnheiten
architektonischer Berechnung begründet
aufweisen können. Ferner wird gerade der
geistig geschulte, allgemeinen Erwägungen zugängliche
Architekt weit schärfer den prinzipiellen
Unterschied zwischen Bauform und
Möbelform herausempfinden — war doch die
spielerische Imitation von Palastfassaden an der
„Architektur" von Schränken gerade charakteristisch
für eine noch fest im Handwerk verwurzelte
Epoche der dekorativen Kunst. Endlich
hat der berufene Architekt vor dem Handwerker
noch jene Universalität der Orientierung
und des Blickes voraus, die ihn eben befähigt,
ein Archi-Tekton, ein Anführer der am Bau
beteiligten Kräfte, zu sein. Im Rahmen der
Innendekoration zeigt sich diese auch gerade
in Birkenholz' Raumschöpfungen stets wieder
zu konstatierende Fähigkeit in der Gabe, zu
harmonisieren ; Altes und Neues zu verbinden ;
Teppiche, Vorhänge, Parkettmuster, Tapeten
gutstimmend auszuwählen; den Standmöbeln
ihre strikt ausgewogene Rolle zuzuweisen (besonders
das Herrenzimmer auf S. 300 ist pracht-
ARCH. P. BIRKENHOLZ
S ARMSTUHL UND TISCH IN MAHAGONI □
SCHNITZEREIEN VON GEORG RÖMER-MÜNCHEN
Dekorative Kunst. XXIII. 11. August 1920
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