Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 42. Band.1920
Seite: 314
(PDF, 108 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_42_1920/0354
Gewirkt oder gestickt, als Basselisse oder Haute-
lisse behandelt, hat er den Ehrgeiz verfolgt,
ein Konkurrent des Gemäldes zu werden und
viele der größten Maler, Raffael, Rubens,
Boucher, haben Entwürfe dazu geliefert. Vom
frühesten Mittelalter an hat er mehr als Schmuck,
hat er Heiligengeschichte und Kulturpanorama
sein wollen. Eine hocharistokratische Kunst,
von der kürzlich die Gobelinausstellung in Wien
ein prunkendes Zeugnis ablegte. Aber das
19. Jahrhundert hat die gewebten Bildteppiche
mit ihren perspektivischen Tiefenwirkungen und
malerischen Bildmäßigkeiten trotz staatlicher
Manufakturen (Paris, Berlin) nicht neu erwecken
können. Der Gobelin starb an Veraltung
. Es war Zeit für etwas Neues dieser Art.
Max Wislicenus schlug den neuen Weg mit
Entschiedenheit ein. Er witterte den richtigen
Geist dafür: den Geist der Gotik. Das war zeitgemäß
, entsprach den Tendenzen neuer Kunst.
Die gotischen Wandteppiche, älter und weniger
kunstgeschichtlich bedeutend, enthielten
doch das moderne Schmuckprinzip, den Zweck-
und Materialgedanken des neuen Kunstgewerbes
. Sie gaben Flächenwirkung, Formstilisierung
und den enthaltsamen Geist der Darstellungsmotive
. Wislicenus ging mutig an eine
Neubelebung, schuf eine Abteilung für Weberei
an der Breslauer Akademie und fand zu eigenen
Leistungen die verwandte schöpferische
Helferin in Wanda Bibrowicz.

„Wir fingen an, wie die alten Ägypter angefangen
haben mögen", sagt Wislicenus, mit
streng linearen Formen und wenigen einfachen
Farben. Diese Einfachheit belebte sich bald
und bereicherte ihre Elemente im Gelingen.
Während Wislicenus sich besonders mit der
flächigen Behandlung des menschlichen Körpers
befaßte und hier allmählich unterm Zwang der
Webetechnik zu freien Auflösungen des runden
Umrisses in eckige, zackige, fast kubistische
Formen gelangte, bevorzugte Wanda Bibrowicz
die Tiere und erreichte einen guten Kompromiß
zwischen der Naturform und der Eigenwilligkeit
des Kreuzes der Webefäden. Sie erlernte
die Weberei und schuf sich so die
sichere Grundlage der zweckmäßigen Gestaltung
. Sie ist Handwerkerin und Künstlerin
zugleich. Sie erfüllte in sich den neuen Bauhausgedanken
. So kann sie völlig materialgerecht
und dennoch künstlerisch frei schaffen.
Und sie stieg in kurzer Zeit zu erstaunlicher
Höhe. Nachdem sie Vögel, Rabe, Paradiesvogel
, in die Fläche gebreitet, Blumen und Pflanzen
stilisiert gewebt und auftragsgemäß, nicht
ganz mit voller Überzeugung, aber mit schönem
Gelingen, in vier großen Teppichen für den
Sitzungssaal im alten Kreishaus zu Ratzeburg

Figürliches und Landschaftliches farbenhell
und deutsch - traulich verwoben hatte, stellte
sie zwei Meisterwerke ganz persönlichen Stils
hin, einen heiligen Franziskus und einen heiligen
Hieronymus. Das sind Schöpfungen von
reinem, legendärem Gehalt, aus kindlich „gotischem
" Geiste gläubig erzählt und mit dem
leisen Humor der paradiesischen Einheit von
Mensch und Tier erfüllt. Die Tiere von Himmel
, Meer und Land drängen sich friedlich
um Franziskus, die Löwen schmiegen
sich vertraulich an Hieronymus. Technisch
sind beide Teppiche Vollendungen. Die Gruppierung
der Tiere um Franziskus, ihre die Naturtreue
wahrende Stilisierung, die Erhaltung der
Zweidimensionalität durch Hochspannung der
Meeresfläche mit den ornamentalisierten Wellen,
die erlesen geschmackvolle Farbigkeit, deren
Grunddunkel durch farbige Lichter köstlich erhellt
ist, der schmuckhafte Flächencharakter des
Ganzen, — man kann es würdigen, daß dieser
Wandteppich des neuen Stils schon jetzt eine
stolze Zierde des Breslauer Museums bildet. Und
der Hieronymus steht kaum zurück. Er ist einfacher
, ein wenig bildmäßiger, heller im Ton,
einheitlicher im Linearen, aber von der gleichen
Naivität des gestaltenden Gefühlsund von gleicher
technischer Meisterschaft. Viel kleine Wandbehänge
mit pflanzlichen oder tierischen Motiven
zeigen den vornehm gedämpften und harmonischen
Farbengeschmack und die reine Stilisierungsgabe
der Künstlerin. Ein großer Teppich
„Weißer Hirsch" gibt frische Waldpoesie und
bunte Märchenstimmung. Es lebt ein Poet in
Wanda Bibrowicz, der ein Bilderbuch voll Naturatems
und entrückten Gestaltenzaubers an
die Wände webt!

Diese neue Bildwirkerei von Wislicenus und
Bibrowicz hat staatliche Unterstützung gefunden
. Das Sächsische Wirtschaftsministerium für
Handel und Industrie gab der Werkstatt Unterkunft
in einem Flügel des Pillnitzer Schlosses
in schönen Räumen, wo seit Oktober 191g die
Webstühle stehen und Teppiche und Entwürfe
hängen. Die kostspielige und langwierige Webekunst
soll von hier aus das Textilgewerbe, einen
der bedeutendsten Industriezweige Sachsens, trotz
Rohstoffschwierigkeiten fördern und befruchten.
Man will Schüler und Lehrer der Webkunst erziehen
, durch Qualitätsleistungen die Massenherstellung
ersetzen, vorbildlich, mustergültig, anfeuernd
weithin wirken. Die Kunst soll das Bedürfnis
wecken und die Industrie soll den Seltenheitswert
würdigen und praktisch realisieren.
Obwohl begreiflicherweise noch allerlei örtliche
und technische Hemmungen zu überwinden sind,
zeigt sich verheißungsvolle Anteilnahme derTex-
tilwelt an dem Unternehmen. Chemnitz, durch

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