Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 42. Band.1920
Seite: 322
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_42_1920/0362
muß beim Papiergeld von einfachen, aber geschmacklich
feinen Lösungen abgesehen und
zu einer Fülle der Darstellung gegriffen werden,
die künstlerisch zu meistern überaus schwer ist.

Bei den Steinzeugmünzen liegen die Verhältnisse
ungleich günstiger, da die Gefahr der
Nachahmung hier weit geringer ist wie bei
jeder anderen Münzart.

Während beim Papiergelde eine einfache
Steindruckpresse und bei Edelmetallmünzen Formen
genügen, die ohne weiteres durch Abformen
echter Stücke zu gewinnen sind, erfordert die
Nachahmung von Steinzeugmünzen Herstellungsvorrichtungen
von einem Umfange, wie
sie dem Fälscher kaum zur Verfügung stehen,
oder sicher nicht unbemerkt bleiben können.
Nicht nur, daß er einen Brennofen haben muß,
der Porzellanhitze ergibt, er muß auch die erforderlichen
, sehr beträchtlichen chemisch-wissenschaftlichen
Kenntnisse besitzen, um die
Masse selbst herstellen zu können; er muß es
ferner verstehen, die Arbeitsformen, und zwar
in Stahl, um genau das Schwindungsmaß größer
zu schneiden, als die echten Stücke sind.

Bedenkt man schließlich, daß die Herstellung
des Böttgersteinzeugs seit 1710 zwar an den
verschiedensten Stellen versucht, aber nirgends
wirklich gelungen ist, so erscheint die Möglichkeit
der Nachahmung dieser Münzen derart
erschwert, daß von einer ziemlichen Sicherheit
hiergegen gesprochen werden kann. Damit gewinnen
wir im Gegensatz zum Papier hier die
volle künstlerische Freiheit in der Formgebung.

Die Münzen werden wie jede Metallmünze
durch Prägen mittels Stahlstempels erzeugt; der
einzige Unterschied besteht darin, daß der aufzuwendende
Druck entsprechend der weichen
bildsamen Masse verschwindend gering ist, gegenüber
dem dort erforderlichen.

Für die künstlerische Gestaltung ausschlaggebend
ist die Forderung, daß der Prägestempel
in der Größe, wie er zur Verwendung
kommt, ins Negativ zu schneiden ist. Wenn
die Münzen aller Zeiten bis zum Beginn des
ig. Jahrhunderts selbst da, wo die künstlerische
Kraft versagt, doch zum mindesten immer
noch einen stilistisch einwandfreien wohltuenden
Eindruck hinterlassen, ist dies darauf zurückzuführen
, daß die alten Münzschneider nie
von dieser handwerklichen Grundlage abwichen.
Erst als in unserer Zeit die Verkleinerungsmaschine
das Schneiden der Stempel übernahm,
und nun die Modelle hierfür in vielfacher
Vergrößerung im Positiv modelliert wurden,
war der Verfall jeglicher Münzkunst besiegelt.

Die vorstehende Forderung ist keine Altertümelei
, sondern unweigerlich darin begründet,
daß nicht nur jeder Werkstoff und jedes Arbeitsverfahren
, sondern auch jeder Arbeitsmaßstab
seine eigenen künstlerischen Gesetze bedingt.

Es ist geradezu eine Ungeheuerlichkeit, ein
Kunstwerk um das Fünffache zu vergrößern
oder zu verkleinern, wie es bei den Stempelschneidemaschinen
üblich ist; jedem, der weiß,
wie empfindlich künstlerische Wirkungen selbst
gegen die geringste Größenänderung sind, muß
dies als absolute Sinnlosigkeit erscheinen.

Bei fünffachem Größenunterschiede sind die
Bedingungen des Gestaltens derart grundlegend
verschieden, daß von einer Übertragungsmöglichkeit
schlechterdings überhaupt nicht mehr
gesprochen werden kann. Ich kann es mir nicht
versagen, für das Behauptete einige Beispiele
und Gegenbeispiele vorzuführen, so wie mir
dieselben teils in Urstücken, teils in Abdrücken
gerade zur Hand sind. Abb. S. 323 oben gibt
Beispiele für die Gestaltung der Bildseite, in der
oberen Reihe Köpfe, in der unteren figürliche
Darstellungen. Nr. 1 und 2 sind spätgriechische
Münzen der Diadochenzeit. Man betrachte, wie
bei der Herausarbeitung der Köpfe alles Unwesentliche
in Wegfall gekommen ist und demgegenüber
alles für die Form Wesentliche, Stirn,
Nase, Lippen, Kinn stark betont, ja übertrieben
erscheint. Es ist dies unbedingt erforderlich,
um in so kleinem Maßstabe dem Eindruck des
Kleinlichen zu entgehen und die große Form
des Kopfes wesenhaft erscheinen zu lassen.
Nr. 3, eine bayerische Münze von 1760, beweist
, daß dieser Weg der richtige ist. 2000 Jahre
später wird hier durch genau die gleiche Arbeitsweise
eine gleich vorzügliche Wirkung erzielt
. Nr. 4 gibt das Gegenbeispiel. Die beiden
Köpfe erscheinen mit all ihrer „Richtigkeit"
und den viel zu vielen, auf einen ganz anderen
Maßstab berechneten Einzelheiten unsagbar
kleinlich und seelenlos gegenüber der inneren
Wahrheit und Lebensfrische von 1, 2 und 3.
Man vergleiche die Augen und Mundgegenden.

Das gleiche Bild ergeben die figürlichen Darstellungen
der zweiten Reihe. Bei den griechischen
Münzen 5, 6 und 7 sehen wir ein wundervoll
straffes Zusammenfassen der Form, ein
Sichbeschränken auf das Wesentliche, wie es
das Schneiden des Stempels von Hand als selbstverständlich
bedingt, und damit eine unübertreffliche
Klarheit in der Gestaltung des Ganzen.
Bei dem Gegenbeispiel Nr. 8 ergibt sich infolge
der maschinellen Verkleinerung eine Flauheit,
gegenüber der man nur im Zweifel sein kann,
ob man sich mehr über das Fehlen jeder inneren
Formgröße oder über die Ungeschicklichkeit
erbosen soll, mit der dies durch tausend
kleine Förmchen zu verdecken versucht wird.

Abb. S.323 unten gibt Beispiele für die Gestaltung
der Rückseite und zwar Darstellungen des

322


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