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wo Menscheninhalt ist, ewig neue, ewig sich
regende und doch ewig gleichbleibende Wesensfülle
. Wen die Entleerung der Formen zum Frösteln
gebracht hat, der soll sich umwenden und
nach den „Vätern" fragen, nach den Meistern,
nach den Unerschöpflichen. Einer ihrer Besten
und Edelsten ist Slevogt. Kaum fünfzigjährig,
noch unter uns, ein Mensch, über dessen Gegenwart
man froh sein muß, wie über das Sprudeln
der Quelle in Sandland. Wer ihn richtig kennt,
fühlt sich mächtig gezogen, möchte ihm nah
sein, näher rücken, wie man Kindern näher
rücken möchte, wenn man sie streichelt und liebkost
; und wer ihn richtig kennt, möchte doch
auch gleich wieder Entfernung pflegen, denn
die gewaltige Schöpferquelle fordert Ehrfurcht.
Wollen wir den Schöpfern dienen, so müssen
wir sie lieben, unendlich, unbedingt, mit heißem
Verlangen, aber zugleich müssen wir sie schützen
, vor uns selbst und vor der Welt. Mit Anstand
Abstand halten, das ist es.
Man kann es nur gut finden, daß es nicht
im Wesen dieses Künstlers gelegen hat, mit
einer gewissen Umsicht für seinen Ruhm zu
sorgen. Aus der Benutzung des modernen Apparats
zur Selbstverbreiterung und Selbsteinpflanzung
hat er keine Technik zu machen verstanden
. Es ging nicht, es lag ihm nicht, war ihm
zu langweilig. Die Frage, ob es denn nicht doch
am Ende besser gewesen wäre, etwas für sich
zu tun, wird er mit einem breiten Achselzucken
beantworten.
Aber, zweimal sei's gesagt, es ist gut so! An
diesem Ruhm wird auch nie und nimmer etwas
abgestrichen werden.
Es ist so schwer, von Max Slevogt zu erzählen
, ohne ihn nicht dicht vor sich zu sehen.
Immer ist er da mit seinem liniendurchzuckten
Gesicht und den unbeschreiblichen Augen,
mit dem mächtigen, funkensprühenden Kopf,
der alle die Köpfe in sich schließt, die je aus
ihm entsprungen sind: den Donnergott mit rollenden
Augen, den lustigen Papageno, den
grinsenden Kinderschreck, den bärtigen Wüstensohn
, den strengen Akademieprofessor — wenn's
durchaus sein muß — alle, nur nicht den kalten
frisierten leeren Kopf, den man sich in Gedanken
über einem eleganten Smoking vorstellt.
Die zuckende, springende, tanzende, die
blitzende, die lachende, die spielende, die
schießende und die schlängelnde Linie, er hat
sie selbst in sein Gesicht gezeichnet--die
Linie seiner Kunst!
Dieser Künstler hat die zartere Unbefangenheit
der Kindheit, die Fülle des reifen Lebens
und die Güte des Alters. Doch überwiegen
Jugend und Fülle.
Es gibt tausend Arten, ein Kunstwerk aufzuschließen
. Man kann auf einer breiten Freitreppe
hineingehen, indem man es einfach gegenständlich
betrachtet, aber richtig betrachtet: „das ist
ein Mann, der sieht mich an, der denkt dies und
jenes, seine Haltung drückt Ritterlichkeit aus
oder etwas anderes, in seinem Greifen liegt dies
und das usf." — Auch die Impressionisten werden
einmal — wenn die Theorie gestorben und
das Wesen auferstanden sein wird — vornehmlich
so und nicht anders betrachtet werden.
Man kann durch Nebentüren ins Kunstwerk
hineingelangen, kann sich zum Beispiel in den
Bewegungsgang des Vortrags, der Pinselführung
einfühlen — ob einer die Dinge so oder anders
streichelt, oder auf sie loshackt oder sie ölig umgleitet
—. Man kann meinetwegen durchs Fenster
einsteigen: das wahre Meisterwerk zeigt eben
dadurch seine Natur, daß es überall sein ganzes
Wesen offenbart, von überall her den Kern
erkennen läßt. So ist es mit einem einzelnen
Werk, so ist es mit eines Meisters gesamten
Schaffen.
Zu Slevogt gelangt, wer ein paar seiner Federkrabbeleien
richtig erfaßt, zu ihm gelangt, wer
zu entdecken vermag, daß seine Sonne im höheren
Sinne sonnig ist, zu ihm gelangt, wer Farbenmosaike
zu deuten und bunten Flockenwirbel
in Gefühlssprache zu übertragen versteht. Er
ist eben ein Ganzer, und was in seiner Graphik
zu finden ist, lebt nicht minder lebendig auch
in seiner Malerei.
Die Mannheimer Kunsthalle hat kürzlich zu
zwei älteren Werken des Meisters aus seiner
letzten Periode noch fünf weitere hinzu erworben
: Stilleben und Landschaften aus der Pfalz.
Aus diesem Grundstock wird vielleicht ein
Sievogtkabinett entstehen, das dem Bau dieser
die örtlichen Größen wie Feuerbach, Trübner
und Thoma zu geschlossenem Gegenüber schichtenden
Sammlung neue Ausprägung verleihen
soll. Auf einem Berg bei Landau, zwischen
herrlichen Laubwäldern und leuchtenden Weingärten
, die von der Ebene her überall die Hänge
heraufdrängen, hat Slevogt die Kriegszeit über
gesessen. Ein wenig gefangen und vom Mittelpunkt
abgeschnitten, aber in eine Gefangenschaft
von glücklicher, überaus fruchtbringender
Art. Er hat dort köstliche Bilder geschaffen
. Lieder auf alle Jahreszeiten; hat beglückt
den Frühling zwischen Bäumen schimmern
, erste Veilchen und Krokus hervorbrechen
sehen, hat das Steigen des Jahres, das Wachsen
seiner Glutkraft im eigenen Reifen und
Wachsen empfunden und auch das goldene Abklingen
, den feuchten Geruch des Waldbodens,
kämpf rote dramatische Himmel und endlich —
die Nacht des Winters.
Wie viele Deutsche wissen eigentlich, was für
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