http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_43_1921/0174
scheinung eines hinter der realen Welt sich
offenbarenden, geheimnisvollen Reichs des Metaphysischen
. Eine Gestalt wie die „Alte Frau
am Stock" oder die „Frierende" ist viel mehr
als eine von besonderen Augen zum erstenmal
in dieser Erscheinungsform gesehene und
gestaltete menschliche Figur: ein Stück vom
Geheimnis des Lebens selbst leuchtet aus diesen
Linien und Flächen: das Dasein scheint in
diesen Gebilden wie transparent, verrät etwas
von seinem verborgenen eigentlichen Wesen,
die Vision hat wirklich etwas „Visionäres" bekommen
. Die Wand, die Menschen von der
seelischen Art Barlachs von dem metaphysischen
Untergrund der Welt trennt, ist dünner
als bei den meisten anderen, auch der künstlerischen
Menschen: er fühlt das Geheimnis
dahinter stärker als andere, sieht es zuweilen
blitzhaft aufleuchten und gibt in seinen Gestalten
ferne Reflexe von dieser erschreckenden
Wirklichkeit, die das Jenseits der Welt zuweilen
im Bild der Dinge für ihn bekommt.
Von hier aus ist dann nur noch ein Schritt
zu der letzten, weitesten Bedeutung des Begriffs
Vision: zum Schauen und Vorstellen von
Dingen und Gestalten jenseits und unabhängig
von der Welt der Erfahrung. Barlach kennt
auch diese Form des visionären Erlebens; wer
es nicht in seinen Plastiken und Zeichnungen
sieht, erlebt es in seinen Dichtungen. Man braucht
nur einmal ein Drama wie „Der tote Tag" zu
lesen, um diesen Übergang aus der malerischen
in die dichterische Form der Vision zu erleben
, um zu fühlen, wie um diesen Mann eine
zweite geheimnisvolle Welt unsichtbar sichtbar
schwebt, nach Deutung oder wenigstens nach
Verfestigung in dieser Welt der greifbaren Dinge
drängend. Hinter den Vorformen der Vision
offenbart sich hier die letzte und reinste Form,
die aus sich produktive, rein seelische. Es ist
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