Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 43. Band.1921
Seite: 168
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_43_1921/0202
Kommt man aus den Seitenkabinetts von den
alten Niederländern her, so trifft man in dem
reizvoll und nicht zu vordringlich ausmöblierten
Biedermeiersaal auf Namen, die seit 1906 in der
Kunstgeschichte einen vollen Klang erhalten
haben. Da ist J. Ch. Clausen Dahl mit einer
köstlich frischen Landschaft (1832; s. Abb. vor
S. 161). Großflächig und nach der Tiefe zu in
kühlen Farben ausgewogen, bleibt dieses Bild
Vergangenem noch spürbar verbunden. Erinnerungen
an die Holländer und flüchtig auch an
Poussin sind jedoch schon nahezu ganz umgeglüht
zu neuen Bildproblemen, die dann
der Dresdener Freund Caspar David Friedrich,
der Realromantiker, angeregt durch Goethesche
und Rungesche Spekulationen, bis zu einem gewissen
Abschluß bringt. Aber noch bedeutet die
„Albrechtsburg bei Meißen" (s. Abb. S. 162)
nicht viel mehr als die Übersetzung eines Natureindrucks
ins Farbige und vielleicht eine Bereicherung
der durch die Romantiker arg ver-
nachläßigten Technik. In freierem Sinne malerisch
wirkt das etwa um dieselbe Zeit, aber in
einer völlig anders gearteten geistigen Sphäre
entstandene „Dorf in Jülich" (183g; s. Abb. S. 165)
des Düsseldorfers C. J. N. Scheuren, wo nun
schon die ersten schüchternen Lufttöne die
Dinge in Duft und Schimmer tauchen. Wieder
und wieder stellt man erstaunt fest, daß diese
Maler vieles bereits von dem vorwegnahmen,
was 50 Jahre später angebetet wurde. In demselben
Raum ein feiner Blechen und, als Gegenpol
, das stark dramatische Macbethbild Josef
Anton Kochs und italienische Landschaften von
C. Rottmann und Ph. Hackert.

Wie Scheuren für die Zeit vor 1850 einen
Ausnahmefall in der gesicherten Tradition Düsseldorfs
darstellt, so gehen auch Burnier, Seibels,
Conz und Bochmann im Gegensatz zu der Achenbachschule
als erste deutsche Künstler auf den
PfadendersogenanntenintimenLandschaft. Man
fühlt jetzt schon stärker als vor der Friedrich-
Gruppe die Vereinheitlichung der Bildidee durch
das neue Mittel der Luft. So ist Burnier durch
ein atmosphärisch wie koloristisch gleich interessantes
Bild „Auf der Weide" gut vertreten, in
dem die Bekanntschaft mit Mauve reflexartig
auftaucht. Von diesem und dem mit ihm und
mit Burnier in gleicher Kampffront stehenden
Seibels gibt es im Museum einige Stücke fast
entsprechenden Inhalts. Dahin gehören auch
Gemälde von dem zu ähnlichen Zielen strebenden
G. von Bochmann und ein in der Luftstimmung
sehr zarter „Sommertag" von G. Conz
(1859; s. Abb. S. 161).

Neben diesen Düsseldorfern zeigt die Galerie
in umfassender Weise die parallel laufenden Bestrebungen
der älteren Münchener Maler, die

der schlichten Naturstimmung nachspüren. Kein
Rest von Komposition mehr ist in der frei und
temperamentvoll vorgetragenen Marine des älteren
Schleich zu bemerken, Adolf Lier und seine
Schüler Voltz, Willroider, Wenglein und Schönleber
, denen sich Dill und Stäbli anschließen,
pflegen eindringlich den absichtslosen, bescheidenen
Naturausschnitt. Von dem lose mit jenen
Künstlern verbundenen Spitzweg besitzt die
Sammlung den köstlichen „Gutsherrn" und eine
koloristisch delikate Replik des „Geologen".

Den Schlußstein dieser Entwicklung fügt dann
die in und bei Frankfurt a. M. schaffende Künstlergemeinde
ein. Von ihr bewahrt das Museum
vor allem eine duftige Taunuslandschaft von
P. Burnitz (s. Abb. S. 170), weich und doch klar,
von Barbizon angeregt, wie ein Blick auf die
in der Nähe hängenden Bilder von Daubigny
und Rousseau lehren, deren Vorläufer Michel
(s. Abb. S. 163) und Constable ebenfalls mit je
einem Werk zur Stelle sind. Louis Eysen mit
einem leicht verhüllten Alpental (s. Abb. S. 171)
und W. Steinhausen mit mehreren in der Stimmung
untereinander ähnlichen, unsagbar stillen
und leisen Landschaften reihen sich an. O.Schol-
derer bildet mit einem subtil gemalten Schinkenstilleben
(s. Abb. S. 173), das auf Fantin-Latour
zurückgeht, den Übergang zu dem Leibi-Kreis.

Courbet, das zeitweilig stark überschätzte Vorbild
der Gruppe, zeigt sich im besten Lichte
mit der Küste von Etretat, einem seiner sehr seltenen
hellen Bilder, während der Kreis selbst
mit Leibi, Sperl, Trübner, Schuch durch zum
Teil recht bedeutende Stücke belegt wird. Die
späteren Münchener Schulen weisen wohl Lük-
ken auf, doch bieten Werke von Defregger -
eine farbig ganz überraschend impulsive und
pikante „Überfahrt", unmittelbar im Anschluß
an die Pariser Zeit gemacht (s. Abb. S. 164) —
Thoma, Haider, Feuerbach, Lenbach, Habermann
und Stuck, um nur einige zu nennen,
eine gute Übersicht.

Dem Sonderfall Hans von Marees wurde schon
deshalb, weil er in Elberfeld geboren wurde, ein
besonderes, weihevolles Kabinett eingeräumt. Im
Zusammenhang mit der angegebenen Entwicklung
der deutschen Landschaftsmalerei fesselt
unter den vierzehn Katalognummern das frühe
Bild der „Fouragierenden Soldaten", das deutlich
die Lierschule verrät, in der weichen Luftbehandlung
aber bereits darüber hinausgeht. Von
seinem späteren monumentalen Stil (s. Abb.
S. 169) zweigen dann die Pidoll, Roederstein,
Böhle und L. von Hofmann ab, deren Kunst
durch je ein Bild deutlich wird.

Das weite Gebiet des durch die Meister des
paysage intime « vorbereiteten Impressionismus
nimmt im Museum einen breiten Raum ein.

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