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P. BURNITZ
BLICK AUF DEN TAUNUS
Cezannes Dorflandschaft (s. Abb. S. 175) mit
der rhythmischen Betonung der Flächen und
Linien weist schon in die Spätzeit des Künstlers
, es ist von ebenso hoher Qualität wie die
durchweg charakteristischen Bilder von Monet,
Sisley, Renoir und Seurat. Neben ihnen halten
sich die deutschen Impressionisten Liebermann,
Corinth, Slevogt, Leistikow, Uhde, Kuehl und
Zügel ganz ausgezeichnet.
In den Sälen, die dem Expressionismus angewiesen
wurden, ist natürlich noch alles im
Fluß. Abgesehen von Hodlers „Holzhacker" und
„Verklärung", die auf rein rhythmisch-linearen
Ausdruck abgestimmt sind, macht sich im allgemeinen
das Bestreben geltend, Bildern den
Vorrang zu geben, in denen die Farbe als Träger
starken Empfindens dominiert. Das im Jahre
1903 entstandene, feierlich-melodramatischeRho-
dodendronbild von Paula Modersohn (s. Abb.
S. 176) leitet gleichsam als Auftakt diese ganz
verinnerlichte Kunstrichtung ein. Eine erste
Fassung der Kreuzigung von A. Weisgerber
und das erschütternde Gemälde „Zwei Harlekine"
von Pablo Picasso (s. Abb. S. 174), aus dessen
blauer Periode, sind wohl die stärksten Klänge
und stellen gleichzeitig die Pole dar, zwischen
denen die Rohlfs, Erbslöh, Jawlensky, Vlaminck,
Kees van Dongen liegen.
Die Plastik steckt noch in Anfängen. Neben
konventionellen und nichts weiter als liebenswürdigen
Werken stehen aber solche, die zum
Zerspringen erfüllt sind von innerem Leben. So
etwa der prachtvoll gewittrige Falguiere-Kopf
Rodins und die Büste des Freiherrn Aug. von
der Heydt, des hochherzigen und nimmer müden
Förderers des Elberfelder Museums, von dem
Schweizer Eduard Bick (s. Abb. S.166). Unter
den Marmorskulpturen B. Hoetgers bedeutet der
Weibliche Torso (s. Abb.S. 167) den Höhepunkt.
Keusch und kühl, eine Synthese aus morgenländischem
Raffinement und westlichen Form-
piinzipien, zeitlos und unfaßbar im Geistigen,
dabei technisch mit geradezu klassischer Einfachheit
gegeben, lockt dieses Bildwerk den Beschauer
immer wieder an.
Ludwig Lindner
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