Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 44. Band.1921
Seite: 12
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felder treten als solche gar nicht mehr in Erscheinung
. In der Dekoration sind die abstrakt
linearen Motive zurückgedrängt, das vegetabilische
Ornament tritt mit größerem Eigenwert
auf, die sprossenden, nach oben sich rankenden
Blüten, Zweige, Palmen, die auch die geraden
Linien der architektonisch unentbehrlichen
Randleisten umspielen. Sie sind nicht in dichten
Massen aufgetragen, sondern luftig, aufgelöst
, fast wie zufällig angeflogen. Ein Gegensatz
von Stütze und Last, von aufstrebenden
Wandfeldern und ruhender Decke besteht
nicht mehr. Mühelos, wie frei gewachsen, steigt
die zarte Vegetation in straffen Kurven empor;
die Gesimse am Kämpfer werden nicht als
trennende Linien empfunden, da sie selbst an
den betonten Zentralstellen, die dem architektonischen
Gefüge Halt geben, in die Bewegung
hineingezogen werden. Die Hohlkehle ist überwuchert
von dem leichten Gerank, in das hier,
mehr als in den anderen Zimmern, Figurales
verflochten ist, Putten, die sich tummeln, Nymphen
mit Emblemen, mythologische Gestalten
mit allegorischer Bedeutung, Tiere und Fabelwesen
; auch Draperien sind verwendet und
selbst die unfaßbarsten aller Formen, Wolken,
Dunst und blinkende Sterne. Die Vorliebe für
das Vegetabilische, für das Objekt an sich,
steht im ausgesprochenen Gegensatz zur strengeren
Tektonik französischer Rokokoarchitektur
. Zwar bleiben auch hier alle Motive im
Zug des Ornamentalen, sie bekommen keinen
direkten Eigenwert als unabhängige Plastik,
aber sie sind doch soweit selbständig, daß sie
sich von der Fläche lösen. Die dritte Dimension
spricht schon mit, am meisten im Spiegelkabinett
(1732), das durch die unregelmäßige, zentrale
Grundrißfiguration, durch den Alkoveneinbau
an sich schon aufgelöst ist. Die Wandfelder
sind hier in ein Gerüst zusammengeschrumpft
, durch dessen Öffnungen der unendliche
Raum ungehemmt hereinflutet. Alle faßbaren
Grenzen sind verschwunden, die Wand
hat ihren schließenden Charakter vollständig
verloren, überall täuscht der Spiegel eine unendliche
Flucht weiter Räume vor. Die naturalistische
Dekoration mit den kleinen chinesischen
Vasen verhindert vollends die Möglichkeit
, die raumschließende Fläche sich ins Gedächtnis
zurückzurufen. Wie im Ovalsaal der
Amalienburg ist hier mit anderen Mitteln
eine letzte Möglichkeit der Raumgestaltung erreicht
. Es ist aber nur eine Möglichkeit, gleichsam
ein Ausdrucksmittel, nicht die letzte Folgerung
aus einer festgelegten Entwicklung. In
den späteren Zimmern, im Miniaturenkabinett
von 1732, sind die Wandflächen mit dem filigranfeinen
Schnitzwerk Joachim Dietrichs über-

sponnen, die begrenzenden Flächen sind schon
durch die Abtönung des Grundes in pompeja-
nischrotem Lack zum Bewußtsein gebracht; nur
die Decke ist durch die Malerei aufgelöst, und
durch das goldene Gitterwerk der Ornamentik
fliegen die naturalistisch gemalten Vögel lustig
aus und ein. Das Wohnzimmer von 1733, in
der schönen alten Wandbespannung mit rotem,
sogenanntem Genueser Samt, einer der edelsten
Räume der ganzen Folge, schließt sich in
der strengen Gehaltenheit der Disposition an
die vorhergehenden Effnerschen Säle an. Wo
fürstliche Repräsentation und die Zweckbestimmung
des Raumes wieder eine andere Art
des Ausdrucks forderten, griff Cuvillies unbedenklich
auf ältere Normen zurück. In der
Grünen Galerie (1733 — 34), die durch die
Wegschneidung des zweiten Querflügels unter
Ludwig I. viel vom Raumrhythmus verloren
hat, bringt die Bestimmung als Gemäldegalerie
mit den nach alter Gewohnheit plakatmäßig
übereinander gehängten Bildern eine Flächendekoration
mit sich, die über die Anschauungen
des 18. Jahrhunderts viele Aufschlüsse bringt,
aber künstlerisch keine Lösung bedeutet.

In allen Zimmern beruht die Wirkung auf
der intakten Originalität. Das Mobiliar stammt
zum größten Teil aus der Erbauungszeit.
Die Konsoltische gehen auf den Entwurf Cuvillies
zurück, sie sind in München geschnitzt,
wie die einfachen Stühle, die Taburetts, das Sofa
im Salon. Künstlerische Absicht ist die unbedingte
Einheitlichkeit. Die Möbel wollen schon
durch die gleichen Bezüge mit der Wandbespannung
zusammen gesehen werden. Sie sind
auch durch den Aufbau unmittelbar mit der
Wand verschmolzen. Man betrachte das Sofa
im Salon. Die kurvierte Abschlußlinie der
Lehne ist eingefügt in den unteren Rand des
Spiegels, die Drachen des Wandfeldes ringeln
ihre Schwänze über die obere Leiste der Lehne;
nach der Abbildung ist es fast unmöglich zu
erkennen, daß das seitliche Abschlußstück der
Lehne zum Sofa und nicht zur Dekoration des
Wandfeldes gehört. Aus der Werkstätte Groffs
in München ist die Spiegelkommode im Spiegelkabinett
, mit dem schweren, sorgfältig bearbeiteten
Bronzebeschläg, das die gleiche Form und
Technik aufweist wie die Beschläge an den
Marmorkaminen, die Johann Baptist Zimmermann
entworfen hat. Von Groff sind auch die
schönen Feuerhunde modelliert. Die prachtvollen
Kommoden im Salon mit dem reichen,
eleganten Beschlag, das frei die Vorderwand
überspielt, ohne Rücksicht auf die einzelnen
Schubfächer, mit den Eckputten, die an Motive
des berühmten Ebenisten Cressent erinnern, sind
französische Arbeiten um Mitte des 18. Jahr-

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