Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 44. Band.1921
Seite: 30
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Intentionen des Künstlers bereitwillig entgegenkommen
).

Hierher gehören die beiden ruhenden Kinder
, von denen der Junge vielleicht noch besser
geraten ist als das etwas vergrämt blickende
Taubenmädchen, dessen spitze Handbewegung
die Ruhe des Gesamteindrucks ein wenig zersticht
. Dann die an Füllhörner gelehnten, ihre
Füße auf das untere Ende des Hornes setzenden
Kinder (wohl eigentlicher Liliputaner): höchst
reizvolle Gegensätze zwischen Seitwärtsbewegung
und en face-Gesichtern; die kleine Dame hat
ein wundervoll phantastisches Kleidchen, wie
man es etwa mit seinen Blütenkelchformen,
kühnen Schürzungen und Wellenornamenten in
einem allegorischen Zauberstück sehen möchte:
dem Miniaturherrn gibt der an das Füllhorn
gepreßte Zylinder doch vielleicht etwas allzu
„Genremäßiges". Beide Gruppen verzichten auf
kleinzügiges Gesichtsdetail im Interesse der dekorativen
Wirkung und des gefühlsbetonten
Bewegungsakzents. In diesen Zusammenhang
möchte ich auch Pfeiffers persönlichen Liebling
, das „Narrenspiel", einreihen. Hier darf man
vielleicht sagen, daß, ähnlich wie bei Wackerle
und Taschner, die gewohnte knorrige Gelassenheit
des Süddeutschen auch bei Pfeiffer einmal
in rechte, starke Karnevalslustigkeit losplatzen
kann, wie sie unserer zerrissenen
Zeit, die höchstens zu
lächeln oder zu wiehern versteht
, von Grund auf wohltäte.
Da ist wohl auch so etwas
wie „Expressionismus" (ein
Begriff, der sich auf Plastik
nur selten sinngemäß anwenden
läßt), d. h. potenzierte,
nach allen Seiten ausgreifende
Bewegung: Füße, Hände, vor
allem die vielen Zacken der gigantischen
, bis an den Boden
reichendenNarrenkappebiegen
sich nach allen Richtungen,
stechen (diesmal vollauf stilgemäß
) in den Raum. Und es
tut nicht weh, denn das Ganze
bleibt bei aller Lebhaftigkeit
rundplastisch aufgefaßt. Als
Pendants zu diesem drolligen
Mittelstück sind die beiden
Figuren des trommelnden und
des pfeifenden Pierrots gedacht
(ausgeführt von der
Meißener Porzellanmanufaktur
), bei denen die Kontrastierung
einer lebhaften Seitenbewegung
mit weit vorgestrecktem
Standbein wieder m. Pfeiffer b

besonders belebt mit den dem Beschauer en
face zugewendeten Köpfen kontrastiert. Die
Gesichtslinien sind wiederum ganz fragmentarisch
eingetieft (das scheinbar leere Auge des
Trommlers ist in der Photographie leider nicht
gut weggekommen), dagegen macht das Kostüm
alle Bewegtheiten seiner Träger wie ein
selbständiger Faktor mit: es ballt sich zu
Quetschfalten, schürzt sich, rollt sich usf.
Dabei wird das, was bei der einzelnen Figur
etwa als ein Zuviel an Bewegtheit empfunden
werden könnte, stets glücklich kompensiert
durch die Pendantwirkung, die sich
Pfeiffer in seinen Porzellanarbeiten nur selten
entgehen läßt.

Alles in allem deutliche Zeichen eines richtigen
Gegenwartstils auch in einem Kunstzweig,
der bis vor kurzem mehr als jeder andere zu
rein retrospektiver Betätigung verurteilt zu
sein schien. Ohne die Höhe jener westlich
inspirierten Geschmackskultur bestreiten zu
wollen, welche im 18. Jahrhundert oft gerade
erst auf deutschem Boden ihre letzten Schönheiten
entfaltete, wird man sich doch dessen
freuen dürfen, daß unsre heutige Kunst nicht
einfach in den Bahnen der Altmeißner Tradition
weiter zu wandeln gewillt ist, vielmehr
(dem italienischen Barock und dem
Orient gefühlsnahe, aber auch
von ihm nicht unmittelbar
abhängig) mit Humor und
Leidenschaft, Bewegtheit und
Mysterienreiz, wie sie unser
ringendes Zeitalter widerspiegeln
, auch die muntre Kleinwelt
des Porzellanvolks zu
durchdringen weiß. Nirgends
Kopien — alle Probleme neu
und frei gestellt und gelöst!
Kein regelmäßiges System,
aber überall die Aufgabe hochgehalten
und die Eigenart des
Materials voll gewahrt! Wir
dürfen denn gewiß sein, daß
Pfeiffer unsere Porzellanplastik
auch fernerhin noch durch
manche fruchtbare und schöpferische
Anregung bereichern
wird, gerade darum, weil er
nicht als „Modellmeister" für
immer ihr verschrieben ist,
sondern, wie wir hoffen wollen
, noch recht oft Gelegenheit
haben wird, auch als
Großplastiker sein reiches und
vielseitiges Können zu bewähren
.

amor m.pfeil Dr. Franz Arens

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