Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 44. Band.1921
Seite: 130
(PDF, 56 MB)
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rückwand alle aufgelöst, so daß das Licht ungehindert
hereinfluten kann und mit dazu beiträgt,
die Grundstimmung des Baues zu verstärken
und zu betonen. Die besondere Auflösung der
Dachform in fünf spitze Pyramiden gibt dem Gebäude
nicht nur eine gewisse Leichtigkeit, sondern
setzt es auch in feiner Weise in Einklang
und Beziehung zu den umgebenden Bäumen.

Den Stilwillen eines Architekten wird man
aber am besten da belauschen kennen, wo er,
unbehindert durch fremde Vorschriften und
Wünsche, seine Ideen zum Ausdrucke bringen
kann, das ist bei der Gestaltung des eigenen
Hauses. Bei dessen Erstellung auf der leicht
abfallenden Hochfläche der Gänsheide bei Stuttgart
im Jahre 1912 ist eine breite Lagerung und
geringe Höhenentfaltung in einem Erdgeschoß
und einem Obergeschoß gewählt worden, ganz
im Gegensatz zu dem sonst im Stuttgarter Villenviertel
beliebten Hochbau. Es ist mehr noch
als das Vorbild des englischen Cottageheims
der Typ des barocken Lustschlosses, wie er ja
in der Nähe von Stuttgart nicht eben selten
vertreten ist (Monrepos, Ludwigsburg), der hier
wohl auf die Plangestaltung eingewirkt hat. Es
ist ja auch von praktischen Gesichtspunkten
heraus am angebrachtesten, da, wo das zur
Verfügung stehende Gelände es gestattet, eine
Verteilung der Wohn- und Wirtschaftsräume
in das Erdgeschoß und der Schlaf- und Gasträume
in das Obergeschoß vorzunehmen. Im
Gegensatze zum englischen Landhaus aber ist
das Haus Bonatz als einheitlicher Baublock geformt
, dem nur im Erdgeschoß nach der Gartenseite
hin zwei Erker vorgelagert sind. Ist auch
der Haupteingang von der Straßenseite durch
einen Torvorbau besonders betont, so ist doch
die ganze Gliederung dieser Fassade, namentlich
durch die Lichtöffnungen des Erdgeschosses,
die als Ochsenaugen gestaltet sind, dazu an-
tan, darzulegen, daß sich hinter dieser Fassade
nur untergeordnete Räumlichkeiten befinden
, während die wichtigsten Räume sich nach
der Gartenseite öffnen. Um den Ausblick auf
dessen Anlagen recht genießen zu lassen, aber

auch dem Lichte freien, ungehemmten Zutritt
zu verschaffen, sind die Fenster sehr tief, bis
60 cm herabgeführt. Die innere Einteilung ist
ebenso zweckentsprechend. Um die durchgehende
Vorhalle läuft im Obergeschoß eine breite
Galerie, von der aus sämtliche Räume zugänglich
sind. Von der inneren Ausstattung der
Räume, in denen wohlige Gemütlichkeit und
gediegene Eleganz miteinander wetteifern, gibt
die Abbildung des Musikzimmers ein Beispiel.

Nach ähnlichen Prinzipien ist von Architekt
F. Scholer das Haus Winz in Friedrichshafen
errichtet. Auch hier ist mehr die Breitenentfaltung
zur Auswirkung gelangt, aber in der
Fassadenbildung mehr der Cottagestil zur Geltung
gebracht. Die nach der Gartenseite vorspringenden
beiden Erker sind durchgehend, ein
breiter Balkon zwischen ihnen eingebaut. In der
farbigen Behandlung ist nicht so sehr das Repräsentative
des städtischen Einzelwohnhauses betont
wie bei der Villa Bonatz, sondern mehr
auf eine weniger ernste Stimmung des ländlichen
Wohnhauses Wert gelegt. Dieser Absicht gemäß
ist das Erdgeschoß in goldbraunem Terranova-
verputz durchgeführt und mit weißen Spalieren
belegt, während das Obergeschoß mit dunklen
Schindeln verkleidet ist; im Verein mit der weißen
Untersicht des weit vorspringenden Daches
und dem in Weiß gehaltenen, die beiden Geschosse
trennenden Gesimse ergibt sich eine
sehr lebhafte und doch angenehme Farbwirkung
. Die innere Einteilung ist der des Hauses
Bonatz ähnlich, nur enthält das Erdgeschoß
einen großen Raum, der als Eßzimmer gedacht
ist, mit drei großen, bis zum Boden reichenden
Fenstertüren, die sich nach dem Garten öffnen.
Mit stillem Neide wird der weniger Vorsichtige
vernehmen, daß dieses behagliche Heim im Jahre
1915 noch um etwa 45000 Mark zu erstellen war.

Seit einigen Jahrzehnten tauchte zuerst in
England und dann auch in Deutschland die Idee
der Gartenstadt auf, die die Firma Krupp bei uns
zuerst verwirklicht hat. Der Gedanke war, diese
Gartenstädte umfangreichen Fabrikbetrieben,
deren Arbeiter und Beamte den Kern ihrer Be-

Grundriß vom Erdgesdwß Grundriß vom Obergesdioß

Maßstab 1:400

ARCH. P. BONATZ HAUS BONATZ IN STUTTGART

I30


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