Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 44. Band.1921
Seite: 182
(PDF, 56 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_44_1921/0216
ratendes. Ganz ungesucht stellt sich vor diesen
Wandbildern die Erinnerung an Meids graphische
Schöpfungen ein, und zwar werden genauere Kenner
leicht herausfinden, an welche Radierungen
die Bilder stilistisch — nicht gegenständlich —
anklingen. Es ist eine ganz bestimmte, im Schaffen
des Künstlers bedeutungsvolle Phase, die sich
hauptsächlich durch ein erneutes intensives Studium
des Landschaftlichen, besonders gewisser
zarter Laubbäume, niederer Sträucher u. ä.,
scharf charakterisiert.

In den Wandbildern ist das Vegetative das
eigentliche dominierende Element. Auf dem
Mittelstück der Hauptwand sind es biegsam aufschießende
hochstämmige Bäume, die sich wie
in einem lichten, durchsichtigen Busch zueinander
neigen. Verliebte Pärchen haben sich an
diesem lauschigen Platz zum Picknick niedergelassen
; seitab steht die Karosse und die abgeschirrten
Pferde, während der Kutscher gerade
zum stärkenden Fläschchen greift. Das
rechte schmale Seitenstück hat als Hauptmotiv
dünn belaubte, schmächtig-biegsame Tannen, die
eine Ruineromantisch-sentimentalisch umstehen;
„er" und „sie" stehen auf dem verfallenen Gemäuer
, im Anschauen der Gegend versunken.
Das linke Seitenstück — durch einen Eckschrank
großenteils ausgefüllt — bietet nur Platz für
einen hohen abgestorbenen Baumstumpf, aus dem
einzelne seiner Triebe schlagen, und für — ein
wohlbestelltes Storchennest.

Höchst reizvoll erfunden sind die Motive der
gegenüberliegenden, in der Mitte von einer Tür
eingenommenen Wand. Links ein Hochfeld mit
einem Pavillon auf hoher Gartenstützmauer, über
den ein Baum mit weich herabfließenden Zweigen
sich beschattend beugt, vorn ein Weiher
mit einem Kahn, aus dem ein Fischer seine
schwere Beute stolz zum Gartenhäuschen emporweist
. Rechts eine inhaltlich ergänzende Szene:
an einem von Bäumen, Buschwerk und Binsen
bestandenen Ufer sind zwei kräftig bewegte
Männer im Begriff, das schwer beladene Netz
ans Land zu ziehen. Zwischen diesen beiden
großen Hochbildern als schmale, niedere Supraporte
eine witzige Dreifigurenszene, die einzige
mit leicht allegorischem Einschlag: der im Freien
vor der Staffelei hockende Maler — eine Art
von Spitzweg-Type —, das weibliche Modell
unter einem Sonnenschirm und der mit dem
Wegschleppen eines gerahmten Bildes beschäftigte
Handlanger.

Die dritte Wand bietet — ebenso wie die

nebensächlich behandelte Fensterwand —■ nur
für ein schmales Hochformat Platz. Wieder befindet
sich in der Mitte die Tür, darüber eine
Supraporte, zu beiden Seiten langaufgeschossene
Felder, als deren Hauptmotive schmale, hoch-
bewipfelte Bäume — links ein Laubbaum,
rechts eine Tanne — durch das Format gegeben
waren. Auf der einen Seite lehnt eine
Mandolinenspielerin in elegischer Pose, auf der
anderen ein still-beschaulicher Schalmeibläser.
Und um die musikalische Stimmung dieser Wand
zu vollenden, rauscht in der Supraporte ein Springbrunnen
, von einer wasserspendenden Dreigrazien
-Gruppe bekrönt; auf seinen stilisierten Rändern
sitzen zwei phantastisch geputzte Musikanten
mit Fiedel undBaßgeige, das lustigtönende
Ganze ornamental-symmetrisch ausrundend.

Das malerische Gewand, das Meid dieser zarten
bukolischen Phantasie übergeworfen hat, ist
ganz so durchsichtig, so unprätentiös und voll
delikater Intimität wie der poetische Stimmungsgehalt
. Gegen einfache, auf Profile und ornamentale
Zutaten vollkommen verzichtende Felder
von gelber Grundfarbe stehen silhouetten-
haft die in roter Temperafarbe leicht wie mit
dem Zeichenstift hingeschriebenen „Bilder". Es
ist ein warmer, stark dekorativ wirkender Zweiklang
, zu dem sich mildernd, in der Art einer
kühl-neutralen Folie, der graue Grundton der
Wand gesellt. Der malerische Akkord wird reich
gerundet einerseits durch den intensiven Holzton
der dunkel polierten alten Möbel, anderseits
durch die hellgestrichenenTüren, die weißen
Portieren, den Kristalleuchter und die Decke.

Unverkennbar klingt in der Kulturstimmung
des Raumes manches bewußt an das frühe
ig. Jahrhundert an, und auch an die Zeit vor
1800 mit ihrer empfindsamen Einstellung auf
den Zauber von Ruinen, Gartenpavillons, stillen
Weihern und Buchen fühlt man sich hier und
da erinnert. Allein das Blasse, Weichliche, das
jener Zeit so lieb war, fehlt bei Meid ; trotz
aller historischen Sensibilität bleibt er weder
hier noch in seinem radierten Werk bei der
bloßen Verehrung des Vergangenen stehen. Ungewöhnlich
feinfühlig gegenüber der kulturellen
Sphäre einer gewesenen Epoche, ist er dennoch
mit seinen tiefsten Sehnsüchten an die
eigene Zeit gefesselt, deren Empfinden seine
erste (und hoffentlich nicht letzte) Schöpfung
als Raumdekorator in einer höchst persönlichen
und bei alledem typischen Weise zur Geltung
bringt. H ermann Voss

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